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PUBLIC RELEASE DATE:
14-Oct-2012

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European College of Neuropsychopharmacology
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Suizid bei Kindern und Jugendlichen

Dr. Paramala J. Santosh, Maudsley Hospital, London, UK

Diese Pressemitteilung ist verfügbar auf Englisch.

Suizide bei Kindern und Jugendlichen gelten seit langem als Besorgnis erregendes Thema in der modernen Gesellschaft, insbesondere für Ärzte, die mit psychischen Problemen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind. So hat etwa die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft mit Sigmund Freud im Jahr 1910 eine entsprechende Konferenz einberufen, da angenommen wurde, dass Suizide bei Jugendlichen ein epidemisches Ausmaß angenommen haben (Greydanus & Calles, 2007). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellen Suizide und Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen nach wie vor ein ernsthaftes Problem für die öffentliche Gesundheit dar, und aktuelle Studien bestätigen, dass Suizid eine der häufigsten Todesursachen junger Menschen ist.

Epidemiologie des Suizids

Suizid gilt als eine der häufigsten Todesursachen weltweit, wobei die Suizidraten je nach Region, Geschlecht, Alter, Zeit, ethnischer Herkunft und wahrscheinlich auch Art der Todeserfassung variieren. Die meisten Personen, die aufgrund von Suizid versterben, leiden an psychischen Erkrankungen, insbesondere affektiven Störungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit, Angsterkrankungen, psychotischen und Persönlichkeitsstörungen, und weisen generell ein hohes Maß an Co-Morbiditäten auf.

Suizidale Gedanken und Verhaltensweisen können sowohl unabhängig voneinander als auch gemeinsam auftreten. Das Risiko für die Entstehung von suizidalen Absichten steigt während der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter rasch an, stabilisiert sich jedoch im frühen mittleren Lebensabschnitt. Die Prävalenzraten für suizidale Absichten und für Suizidversuche bei Jugendlichen werden länderübergreifend mit 19,8󈞄,0% bzw. 3,1%𔃆,8% angegeben (Nock et al, 2008a). Die Inzidenz von Suizidversuchen erreicht einen Höhepunkt während der mittleren Adoleszenz, wobei die Sterblichkeit aufgrund von Suizid, die während der Teenager-Jahre stetig zunimmt, in diesem Alter die dritthäufigste Todesursache darstellt.

Suizide bei Kindern und im frühen Jugendalter sind ein seltenes Phänomen. Die jährlichen Suizidraten bei den 5󈝺-Jährigen liegen weltweit bei durchschnittlich 0,5 pro 100.000 bei Frauen und 0,9 pro 100.000 bei Männern, und steigen in der Altersgruppe der 15󈞄-Jährigen deutlich auf 12,0 pro 100.000 bei Frauen und 14,2 pro 100.000 bei Männern (Pelkonen & Marttunen, 2003). In den weltweiten Suizidstatistiken bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich oft ein größerer männlicher Anteil, wiewohl das Geschlechterverhältnis in verschiedenen Ländern variabel sein kann.

Während die Suizidraten bei älteren Personen in zahlreichen Ländern gesunken sind, zeigt sich in der jüngeren Bevölkerung ein Anstieg von Suiziden (Hawton & van Heeringen, 2009).

Risikofaktoren für Suizid

Das Risiko für selbstschädigendes Verhalten und Suizid wird durch eine genetisch bedingte Vulnerabilität sowie psychiatrische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren maßgeblich bestimmt. So ist beispielsweise der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Suizid bei Jugendlichen gut dokumentiert. Affektive Störungen, Substanzmissbrauch und vorherige Suizidversuche sind deutlich mit Suiziden im Jugendalter assoziiert (Pelkonen & Marttunen, 2003). Für das Suizidrisiko ebenfalls relevant sind persönliche Überlastung, das Auftreten suizidalen Verhaltens in der Familie, familiäre und erzieherische Probleme, soziale Entfremdung, die direkte oder indirekte Konfrontation mit suizidalem Verhalten bei anderen Personen, die Verfügbarkeit von Suizidmitteln sowie die Auswirkungen der Medien, wobei das Internet heute eine wichtige Rolle spielt (Hawton et al., 2012; Hawton & van Heeringen, 2009; Pelkonen & Marttunen, 2003).

Die Entwicklung von suizidaler Absicht zu selbstschädigendem Verhalten und weiter zum vollzogenen Suizid ist in keinem Fall unumgänglich. Selbstschädigendes Verhalten kann jedoch eskalieren, und dies kann ein Anzeichen für einen Suizidversuch sein: So liegt das Suizidrisiko bei Patienten mit selbstschädigendem Verhalten hundert Mal höher als in der allgemeinen Bevölkerung (Owens et al., 2002). Das Risiko eines Suizidversuchs ist bei Personen mit suizidalen Absichten und Plänen signifikant erhöht, während das Risiko eines vollzogenen Suizids bei jenen Patienten erhöht ist, die vor einer medizinischen Betreuung davonlaufen oder Vorkehrungen treffen, um nicht entdeckt zu werden. Eine kontinuierliche Betreuung für Jugendliche mit hohem Suizidrisiko zu gewährleisten stellt eine große Herausforderung dar, da diese oft die vorgeschriebene Therapie nicht einhalten und gewöhnlich aus der Behandlung ausscheiden oder diese vorzeitig beenden (Pelkonen & Marttunen, 2003).

Untersuchungen zufolge erhalten weniger als die Hälfte der Jugendlichen, die Suizid begehen, eine psychiatrische Behandlung (Pelkonen & Marttunen, 2003).

Ansätze zur Suizidprävention

Die Prävention von selbstschädigendem Verhalten und Suizid bedarf sowohl allgemeiner Maßnahmen, die generell an junge Menschen gerichtet sind, als auch gezielter Initiativen für Hochrisikogruppen (Hawton et al., 2012). Das Hauptziel einer erfolgreichen Suizidprävention für Kinder und Jugendliche ist die Reduktion entsprechender Risikofaktoren. Insbesondere die (Früh)Erkennung und effektive Behandlung psychischer Erkrankungen wie z.B. Depression sowie die Verhinderung des Zugangs zu Suizidmitteln stellen wesentliche Maßnahmen in der Suizidprävention bei Kindern und Jugendlichen dar (Pelkonen & Marttunen, 2003). In der Behandlung suizidgefährdeter junger Menschen sind gemäß vorliegenden Befunden verschiedene Maßnahmen von Nutzen, z.B. kognitive Verhaltenstherapie und spezialisierte Notfallinterventionen.

Bestrebungen zur Verhinderung nachfolgender Suizidversuche waren bislang im Allgemeinen nicht erfolgreich, und zahlreiche Kinder und Jugendliche erhalten keine Behandlung etwaiger affektiver oder anderer psychischer Erkrankungen, wiewohl diese Risikofaktoren darstellen. Im Rahmen von Suizidpräventionsprogrammen sollte daher eine regelmäßige Evaluation des Suizidrisikos erfolgen, um frühe Interventionen zu ermöglichen, insbesondere wenn eine neue medikamentöse Therapie initiert wird.

Vor diesem Hintergrund erarbeitete ein von Dr. Paramala Santosh, London, UK, geleitetes Konsortium von Kinder- und Jugendpsychiatern aus ganz Europa im Rahmen des EU FP7-finanzierten STOP-Projekts („Suicidality: Treatment Occurring in Paediatrics") spezifische Parameter zur Messung von Suizidalität, darunter medikamentöse Nebenwirkungen sowie Risiko- und protektive Faktoren. Diese von den Patienten berichteten Parameter werden in einem so genannten „HealthTracker", einem Internet-basierten Multimedia-Gesundheitsmonitoring-System aufgenommen. Das STOP-Projekt wird derzeit in einem Pilotversuch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt, um herauszufinden, ob die von Patienten berichteten Messparameter suizidale Absicht und suizidales Verhalten erfassen können, so dass im Sinne einer frühzeitigen Intervention entsprechende Warnsysteme etabliert und Ärzte rechtzeitig über ein erhöhtes Suizidrisiko informiert werden können.

Als Teil dieses Projekts wurde auch eine detaillierte Bestandsaufnahme der bei Kindern und Jugendlichen mit Suizidalität assoziierten psychosozialen Faktoren durchgeführt. Dabei wurden Studien zu psychologischen Faktoren, belastenden Lebensereignissen, Faktoren des Temperaments, Medikamenten-bezogenen Faktoren sowie assoziierten Gesundheitsproblemen ausgewertet. Es zeigte sich, dass die Mehrheit der jungen Menschen, die Suizid begangen haben, deutliche psychische Probleme, darunter etwa depressive Störungen und Substanzmissbrauch, hatten. Zudem gingen belastende Lebensereignisse und diverse Erkrankungen einem Suizid und/oder Suizidversuch häufig voran. Weiters zeigte sich, dass deutlich mehr männliche Kinder und Jugendliche Suizid begingen und dass gewisse Faktoren des Temperaments das Suizidrisiko beeinflussen können.

Ein weiteres Einsatzgebiet des Internet-basierten „HealthTracker"-Monitoring-Systems, in das die Suizidalitätsmesswerte des STOP-Projekts einfließen, ist die Pharmakovigilanz, um bei Markteinführung neuer Medikamente ein etwaiges Medikamenten-assoziiertes Suizidrisiko zu entdecken.

Schlussfolgerungen

Suizide und Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen stellen heute ein ernsthaftes Gesundheitsproblem dar. Während der mittleren Adoleszenz-Jahre erreicht die Inzidenz von Suizidversuchen einen Höhepunkt und die Sterblichkeit aufgrund von Suizid ist in diesem Alter die dritthäufigste Todesursache.

Wichtige Risikofaktoren für suizidales Verhalten sind genetisch bedingte Vulnerabilität, psychische Erkrankungen (z.B. affektive Störungen, Substanzmissbrauch), familiäre Probleme, soziale Entfremdung, das Auftreten suizidalen Verhaltens in der Familie, die Konfrontation mit suizidalem Verhalten bei anderen Personen oder in den Medien, die Verfügbarkeit von Suizidmitteln sowie vorangegangenes selbstschädigendes Verhalten.

Da weniger als die Hälfte der jungen Menschen, die Suizid begehen, eine psychiatrische Betreuung erhalten, sind breit angelegte Präventionsstrategien von größter Bedeutung für das Gesundheits- und Sozialwesen. Insbesondere Ärzte sollten Personen mit hohem Suizidrisiko erkennen können.

Als Teil der Suizidprävention sollte eine regelmäßige Evaluation des Suizidrisikos durchgeführt werden, um frühzeitige Interventionsversuche zu ermöglichen. Das EU-finanzierte STOP-Programm (Suicidality: Treatment Occurring in Paediatrics), welches Parameter zur Messung der Suizidalität zur Verfügung stellt, wird derzeit in einem Pilotversuch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt, um Ärzte über das Vorliegen eines erhöhten Suizidrisikos zu informieren und zu frühzeitigen Interventionen zu veranlassen.

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Literatur

  1. Suicidality: Treatment Occurring in Paediatrics (STOP) Project - EC FP7 Grant Agreement No 261411
  2. Hawton K & Heeringen KV. Suicide. Lancet 2009;373:1372-81
  3. Hawton K, Saunders KE, O´Connor RC. Self-harm and suicide in adolescents. Lancet 2012; 379:2373-2382
  4. Nock MK, Borges G, Bromet EJ, et al. Cross-national prevalence and risk factors for suicidal ideation, plans, and attempts in the WHO World Mental Health Surveys. Br J Psychiatry 2008a;192:98-105
  5. Nock MK, Borges G, Bromet EJ, Cha CB, Kessler RC, Lee S. Suicide and suicidal behavior. Epidemiology Review 2008b;30:133-154
  6. Owens D, Horrocks J, House A. Fatal and non-fatal repetition of self-harm: systematic review. Br J Psychiatry 2002;181:193-9
  7. Pelkonen M, Marttunen M. Child and adolescent suicide: epidemiology, risk factors, and approaches to prevention. Paediatr Drugs 2003;5:243-65
  8. U.S. Department of Health and Human Services, Public Health Service; 2001. National Strategy for Suicide Prevention: Goals and objectives for action. Rockville, MD: Author.
  9. United States Department of Health and Human Services. The Surgeon General's call to action to prevent suicide, 1999 [online]. Available from URL: www.surgeongeneral.gov/library/calltoaction/calltoaction.pdf [Accessed 2007 Apr 24]
  10. World Health Organisation. Suicide rates, country reports and charts [online]. Available from URL: www.who.int/mental_health/prevention/suicide/country_reports/en/index.html [Accessed 2006 Jun 2]

Korrespondenzadresse:
Dr. Paramala J. Santosh, Dip NB (Psych), MD, PhD, FRCPsych
Child and Adolescent Mental Health Services Clinical Academic Group,
South London and Maudsley NHS Foundation Trust, Michael Rutter Centre, Maudsley Hospital,
De Crespigny Park, London SE 5 8AZ, United Kingdom
E-mail: paramala.1.santosh@kcl.ac.uk



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