[ Back to EurekAlert! ] Public release date: 22-May-2013
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Contact: Johann H. Bollmann
johann.bollmann@mpimf-heidelberg.mpg.de
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Max-Planck-Gesellschaft

Forscher analysieren Jagdverhalten von Fischlarven in der virtuellen Realität

Diese Pressemitteilung ist verfügbar auf Englisch.

Bewegte Objekte erhöhen die Aufmerksamkeit. Videowände an öffentlichen Plätzen und animierte Werbebanner im Internet machen sich das zunutze. Auch für die meisten Tierarten spielen bewegte Objekte bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken im Gehirn eine große Rolle, da sie oft eine willkommene Beute oder eine drohende Gefahr darstellen. Dies gilt auch für die Larve des Zebrabärblings, die auf Bewegungen ihrer Beute reagieren muss. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg haben untersucht, wie das Gehirn auf die Informationen aus dem Sehsystem zur Ausführung schneller Bewegungen zurückgreift. Demnach registriert das Sehsystem der Tiere die Bewegungen der Beute, so dass das Gehirn die Tiere mit gezielten Schwimmstößen innerhalb von Millisekunden neu ausrichten kann. Zwei bislang unbekannte Nervenzelltypen im Mittelhirn sind an der Verarbeitung von Bewegungsreizen beteiligt.

Die Larven des Zebrabärblings besitzen ein Sehystem, das dem anderer Wirbeltiere prinzipiell gleicht. Außerdem ist ihr Erbgut entschlüsselt, sie sind klein und ihre Haut ist durchsichtig und so für Fluoreszenz-Mikroskope gut zu durchdringen. Die Tiere eignen sich deshalb gut zur Untersuchung des Bewegungssehens. Die Tiere besitzen ein ausgeprägtes Beutefangverhalten. Mit Hilfe ihres feinen Sehsystems verfolgen sie und fangen kleine Wimpertierchen. In wenigen Sekunden führen sie dazu eine Reihe von Schwimmmanövern aus, während der sie die Richtung und Entfernung des Beutetiers immer wieder neu überprüfen, um die weitere Bewegungsabfolge entsprechend anzupassen. Das Gehirn der Larve muss daher in kürzester Zeit visuelle Informationen filtern und bewerten, um geeignete Bewegungsmuster abrufen zu können.

Forscher um Johann Bollmann am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung haben zunächst mit Hochgeschwindigkeits-Videoaufnahmen den natürlichen Ablauf des Beutefangs der Larven unter verschiedenen Startbedingungen untersucht. Es zeigte sich, dass die Larve ein elementares Bewegungsmuster wiederholt ausführen und mit einer Richtungskomponente versehen kann, die den Jäger mit jedem Schwimmstoß in Richtung Beute neu ausrichtet. Dafür müssen die Larven Sehinformationen in wenigen hundert Millisekunden verarbeiten.

In einem zweiten Schritt haben die Wissenschaftler die natürliche Schwimmumgebung in einem neuartigen Versuchsaufbau als „virtuelle Realität" nachgebildet, in der Larven typische Beutefangsequenzen ausführen, ohne sich tatsächlich fortzubewegen. Die virtuelle Beute besteht aus computer-gesteuerten Bildern, die auf eine kleine Leinwand projiziert werden. So lässt sich die Rolle von Bewegungsparametern wie zum Beispiel Größe und Geschwindigkeit des „Beutetiers" auf die visuelle Reizverarbeitung der Tiere quantitativ untersuchen.

In der „virtuellen Realität" können die Wissenschaftler testen, wie die Fischlarven auf unerwartete Verschiebungen der Beute nach einem Schwimmstoß reagieren. „Wenn wir unseren Blick durch Augen- und Kopfbewegungen auf ein Zielobjekt richten, erwarten wir, dass das Objekt an einer zentralen Position in unserem Gesichtsfeld erscheint. Bei den Larven verlangsamen nur leichte Abweichungen von der Zielposition oder Verzögerungen beim Wiedererscheinen des virtuellen Beutetiers die Reaktionszeiten. Vermutlich benötigt das Gehirn der Larven bei unerwartetem visuellem Feedback zusätzliche Rechenzeit für die Berechnung des nächsten Schwimmstoßes", erklärt Johann Bollmann vom Heidelberger Max-Planck-Institut.

Darüber hinaus können die Forscher mit Hilfe von Fluoreszenz-Mikroskopen die Aktivität von Nervenzellgruppen im Larvenhirn untersuchen, die die zielgerichteten Beutefangbewegungen vermutlich steuern. In einer früheren Studie haben sie bereits Zelltypen entdeckt, die spezifisch auf entgegengesetzte Bewegungsrichtungen reagieren. Diese bislang unbekannten Nervenzellen im Mittelhirndach (Tektum) unterscheiden sich in ihrer Richtungsempfindlichkeit und auch in der Struktur ihrer feinen Verästelungen. „Offenbar werden verschiedene Bewegungsrichtungen in unterschiedlichen Schichten des Tektums verarbeitet, denn die dendritischen Verzweigungen dieser Zellklassen liegen räumlich voneinander getrennt", so Bollmann.

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