Public Release:  Gesellige Rezeptoren: zu zweit, zu vielen oder in der Masse

Das Verhältnis von Rezeptorgruppen in der Zellmembran bestimmt, ob sich Zellen abstoßen

Max-Planck-Gesellschaft

Diese Pressemitteilung ist verfügbar auf Englisch.

Wandern Zellen im Körper, zum Beispiel während der Entwicklung, oder stellen Nervenzellen neue Verbindungen her, so müssen die Zellen wissen, wohin sie sollen. Eine Fehlleitung führt in der Regel zu Krankheiten oder Entwicklungsstörungen. Als Wegweiser dienen den Zellen andere Zellen, mit denen sie in Kontakt treten und sie nach kurzer Bindung von sich wegstoßen. Der Kontakt entsteht über sogenannte Eph-Rezeptoren und ihre Bindungspartner, die Ephrine. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried bei München haben mit ihren Kollegen vom Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund entdeckt, dass die Ephrin/Eph-Komplexe in Dreier- oder Vierergruppen zusammenfinden müssen, um aktiv zu werden. Für die Stärke des Signals zur Zellabstoßung ist das Verhältnis der Multimere zu den inaktiven Dimeren entscheidend. Die Erkenntnis hilft die Kommunikation zwischen Zellen zu verstehen und liefert Grundlagen um Krankheiten, die auf Ausfällen dieses Leitsystems basieren, zu untersuchen.

Kommen Menschen zusammen, gibt es meist viel zu bereden. Ganz ähnlich sieht das bei unseren Zellen aus. Wachsen Zellen zum Beispiel während der Entwicklung aufeinander zu, so müssen sie mit den umgebenden Zellen klären, ob sie am richtigen Platz im Organismus sind und mit welchen Zellen sie sich verbinden sollen. Einen besonders hohen Kommunikationsbedarf gibt es im Gehirn, wo ständig neue Kontakte zwischen Nervenzellen entstehen und wieder verschwinden. Nur wenn sich die richtigen Zellen miteinander verbinden, kann zum Beispiel etwas Neues gelernt werden. Und auch ein wachsender Tumor muss sich mit den Zellen seiner Umgebung austauschen, um wachsen zu können. „Es ist von grundlegender Bedeutung zu verstehen, wie Zellen miteinander kommunizieren", sagt Rüdiger Klein, Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Zusammen mit seiner Abteilung erforscht er schon seit Jahren die Sprache der Zellen. Im Fokus der Wissenschaftler stehen dabei die sogenannten Eph-Rezeptoren und ihre Bindungspartner, die Ephrine.

Die Zellkommunikation über Ephrine/Eph-Rezeptoren spielt bei den meisten Begegnungen zwischen Zellen eine Rolle. Als Resultat dieser Kommunikation stößt in der Regel eine Zelle die andere ab, die dann in eine andere Richtung weiterwächst. Viele solcher Interaktionen lenken die Zelle an den richtigen Ort. Das Lenksystem, die Ephrine und Eph-Rezeptoren, sitzen auf der Oberfläche von Zellen. Treffen Ephrin und Eph-Rezeptor zweier Zellen aufeinander, so bilden sie einen Ephrin/Eph-Komplex. Dadurch werden zelluläre Prozesse in einer oder beiden Zellen ausgelöst, die schließlich zur Trennung des Ephrin/Eph-Komplexes und zur Abstoßung der beiden Zellen voneinander führt.

„Damit nicht ein falscher Alarm die zellulären Prozesse auslöst, haben viele Rezeptorsysteme einen Sicherheitscode eingebaut", erklärt Rüdiger Klein. „Es wird nur dann ein Signal in die Zelle weitergegeben, wenn zwei Rezeptor/Bindungspartner-Paare zu einem sogenannten Dimer zusammenkommen." Doch bei Ephrinen und Eph-Rezeptoren ist das anders. Ephrin/Eph-Komplexe kommen in Dimeren, aber häufig auch in größeren Gruppen auf den Zellmembranen zusammen. Wie dies die Fähigkeit zur Abstoßung und deren Stärke beeinflusst, blieb unklar.

Nun ist es den Martinsrieder Neurobiologen zusammen mit ihren Kollegen vom Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund gelungen, die Gruppenbildung von Ephrin/Eph-Komplexen in der Zellkultur künstlich auszulösen und zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass die sonst üblichen Dimere bei Eph-Rezeptoren inaktiv sind. Erst Tri- und Tetramere lösten die Signale aus, die zur Abstoßung der Zellen führen. Die Arbeitshypothese der Wissenschaftler, dass eine größere Gruppe ein stärkeres Signal auslöst, erwies sich jedoch als zu einfach. „Es hat eine ganze Zeit gebraucht, bis wir das System durchschaut haben", berichtet Andreas Schaupp, der Erstautor der Studie. „Es kommt nämlich nicht auf die Größe einer einzelnen Gruppe an, sondern auf das Verhältnis der Gruppen zueinander."

Je mehr Tri- und Tetramere und je weniger Dimere in der Zellmembran vorhanden sind, desto stärker ist das Signal zur Zellabstoßung. Kommen dagegen vor allem Dimere und nur wenige Multimere vor, kommt es zu keiner oder nur einer geringen Reaktion. „Über diesen Mechanismus kann eine Zelle sehr fein abstimmen, ob sie eine andere Zelle zur Kehrtwende bewegt oder sie nur knapp an sich vorbei lenkt", sagt Rüdiger Klein. Es ist ein wichtiger Schritt um zu verstehen, wie wandernde und wachsende Zellen ihren Weg finden und warum dieses Leitsystem bei manchen Krankheiten versagt.

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