[ Back to EurekAlert! ] PUBLIC RELEASE DATE: 12-Nov-2004
The Lancet

Führender Tabakhersteller verschleiert Verbindung zu Forschungsinstitut

Philip Morris, einer der führenden Tabakhersteller weltweit, war womöglich versteckt an wissenschaftlicher Forschung beteiligt, mit der vor 30 Jahren die Gesundheitsauswirkungen von Tabak untersucht werden sollte. Das Unternehmen soll damals Studien zu den Gefahren des Passivrauchens durchgeführt haben, die offenbar nicht veröffentlicht wurden.

Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und seine Kollegen Pascal Diethelm und Jean-Charles Rielle aus der Schweiz legen dar, wie Philip Morris an einer deutschen Forschungseinrichtung von 1970 an die gesundheitlichen Folgen von Tabakrauch untersuchen ließ. Dr. McKee erklärt: "Die Tabakindustrie hat über Jahren hinweg behauptet, sie wisse nichts über Forschung zu toxischen Effekten des Rauchens. In den 1970er Jahren aber entschied sie, dass sie diese Informationen benötigt, war aber nicht gewillt, dies unter dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit zu erreichen. Interne Dokumente aus der Industrie zeigen nun, wie das Unternehmen Philip Morris eine Forschungseinrichtung in Deutschland dafür nutzte und gleichzeitig mit einem komplexen System sicher stellte, dass die Arbeit nicht mit Philip Morris in Verbindung gebracht werden konnte. Es wurden Vorkehrungen getroffen, diesen Prozess nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch vor vielen Mitarbeitern innerhalb Philip Morris zu verheimlichen, doch wussten viele leitende Angestellte Bescheid."

Der Artikel hebt auch hervor, wie die veröffentlichten Ergebnisse die Interessen der Tabakindustrie widerspiegeln. So fügt Professor McKee hinzu: "Die beteiligten Wissenschaftler scheinen nur einen kleinen Teil ihrer Arbeit publiziert zu haben, und was veröffentlicht wurde, unterscheidet sich deutlich von dem, was nicht publiziert wurde. Insbesondere berichten die nicht veröffentlichten Studien von Hinweisen, dass Passivrauchen gefährlicher ist als aktives Rauchen, ein wichtige Erkenntnis angesichts des anhaltenden Bestreitens schädlicher Effekte des Passivrauchens seitens der Industrie. Im Gegensatz dazu beschäftigen sich viele der publizierten Studien damit, Zweifel an der Methodik zur Feststellung der Effekte von Passivrauchen zu wecken."

Der Wissenschaftler schließt mit den Worten: "Offenbar selektieren industrienahe Forscher, was sie letztendlich publizieren. Zudem scheinen Verbindungen zwischen Industrie und Forschung gelegentlich verschleiert zu werden. Unserer Meinung nach ist es daher unerlässlich, dass dieser Zusammenhang bei der Beurteilung von Befunden zu Rauchen und Gesundheit immer vergegenwärtigt und bedacht wird. Jegliche Forschungsarbeit in diesem Bereich muss alle konkurrierenden Interessen offenlegen, ebenso wie jede Beteiligung der Tabakindustrie an der Initiierung und Gestaltung der Studie sowie der Analyse und Interpretation der Daten. Insbesondere muss Philip Morris erklären, warum sie mit den hier beschriebenen Anstrengungen verschleiert haben, dass sie an der Erforschung der Auswirkungen von Passivrauchen beteiligt waren und somit um die Effekte wussten, Effekte, die ihren öffentlichen Stellungnahmen widersprachen."

Der Lancet-Herausgeber Richard Horton kommentiert: "Angesichts der anhaltenden Debatte um ein gesetzliches Rauchverbot an öffentlichen Orten haben wir diesen Artikel vorab veröffentlicht, um die Dringlichkeit dieser Diskussion zu unterstreichen. Pascal Diethelm und seine Kollegen legen Versuche eines Unternehmens - Philip Morris - offen, Verbindungen zu einem deutschen Forschungsinstitut zu verschleiern, das die gesundheitlichen Folgen von Rauchen untersucht. Offenbar wurden nur ausgewählte Forschungsergebnisse berichtet, um die öffentliche Meinung über die Sicherheit von Passivrauchen positiv zu beeinflussen."

"Bei der Herausgabe des Weißbuchs zur öffentlichen Gesundheit müssen die Minister wissen, dass Teile der Tabakindustrie wichtige Forschungsergebnisse verheimlichen wollten, welche die politischen Entscheidungen beeinflussen konnten und auch sollten", fügt Horton hinzu. "Sie müssen sich dieser offensichtlichen Verschleierungstaktik nicht nur bewusst sein, sondern auch eine entsprechende Strategie zur öffentlichen Gesundheit formulieren, welche die Menschen vor den bekannten Auswirkungen von Passivrauchen schützt. Dies zu unterlassen, käme einer Kapitulation vor einer Industrie gleich, die offenbar Erkenntnisse manipuliert, um weiterhin aus dem Verkauf eines Suchtmittels Gewinn ziehen zu können - einer Droge, die weiterhin extremes Leiden bei Menschen hervorruft."

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Quelle: Pascal A Diethelm, Jean-Charles Rielle, Martin McKee. The whole truth and nothing but the truth? The research that Philip Morris did not want you to see. Lancet 2004; 364

http://www.thelancet.com


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