[ Back to EurekAlert! ] PUBLIC RELEASE DATE: 4-March-2005
The Lancet

Medizinisch-technische Neuerungen steigern Überlebenschancen von Neugeborenen nicht unbedingt

Medizinische Eingriffe während der Schwangerschaft und Geburt steigern einer aktuellen Studie zufolge die Überlebensrate bei Neugeborenen in Schwellenländern nicht zwangsläufig.

In Brasilien nahm die Sterblichkeit bei Neugeborenen in den 1980er Jahren ab, hat sich jedoch seit den 1990er Jahren kaum verändert. Fernando Barros vom Hospital de Clinicas in Montevideo in Uruguay und seine Kollegen untersuchten die Daten zu Geburten in der brasilianischen Stadt Pelotas in den Jahren 1992, 1993 und 2004. Sie fanden heraus, dass es während der 22 Jahre enorme Veränderungen bei den Eckdaten der werdenden Mütter gab. Die Mütter waren im Mittel 4,5 Zentimeter größer, 5,1 Kilogramm schwerer, rauchten weniger und waren besser ausgebildet als Frauen, die im Jahr 1992 ein Kind zur Welt gebracht hatten. Die mittlere Zahl vorgeburtlicher Krankenhausbesuche erhöhte sich, genauso wie der Anteil der Frauen, die sich schon im ersten Trimester ihrer Schwangerschaft untersuchen ließen. 97 Prozent aller Frauen durchliefen während der gesamten Schwangerschaft zumindest eine und 31 Prozent drei oder mehr Ultraschalluntersuchungen. Andere vorgeburtliche Untersuchungen waren weniger häufig: 23 Prozent (543 von 2373) der Frauen wurden nicht vaginal untersucht und 68 Prozent (1189 von 1748) der Frauen, die bisher noch nicht gegen Tetanus geimpft worden waren, erhielten eine oder mehrere Impfungen. Die Anzahl der eingeleiteten Geburten erhöhte sich von 2,5 Prozent (147 von 5914) im Jahr 1982 auf 43 Prozent (1026 von 2386) im Jahr 2004. Die Zahl der Kaiserschnitte erhöhte sich stark von 28 Prozent (1632 of 5914) im Jahr 1982 auf 43 Prozent (1039 von 2403) im Jahr 2004; bei privat versicherten Frauen erreichte die Kaiserschnittrate im Jahr 2004 gar 82 Prozent (374 of 456).

Das mittlere Geburtsgewicht der Kinder verringerte sich, und der Anteil der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2500 Gramm erhöhte sich, vor allem auf Grund der Zunahme an Frühgeburten. Die Häufigkeit der Frühgeburten erhöhte sich von 8,5 Prozent (437 von 5139) der Babys im Jahr 1993 auf 13,5 Prozent (316 von 2340) im Jahr 2004. Die Autoren erklärten die Erhöhung der Frühgeburtenrate durch eingeleitete Geburten oder Kaiserschnitte bei Föten, deren Schwangerschaftsdauer auf Grund von ungenauen Ultraschalluntersuchungen überschätzt wurde.

"Diese drei aufeinanderfolgenden Kohorten lassen erkennen, dass die relativ kleinen Unterschiede bei der nachgeburtlichen Sterblichkeit seit 1990 auf einer Kombination von erhöhten Zahlen an niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeburten mit verbesserter Pflege der Neugeborenen beruhen", kommentiert Dr. Barros. "Diese Informationen bringen neue Herausforderungen für die Politiker auf lokaler und nationalen Ebene mit sich. Denn um die Millenium Development Goals für die Überlebensraten von Kindern zu erreichen, müssen Strategien eingeführt werden, die das Geburtsgewicht erhöhen und die Zahl der Frühgeburten verringern."

In einem Begleitkommentar erklären Anthony Costello vom Institute of Child Health in Großbritannien und seine Kollegen: "In Ländern mit mittlerem Einkommen und hoher industrieller Nutzung ist die Fokussierung auf die Qualität der nachgeburtlichen Versorgung von hoher Priorität und die Auswirkungen auf die Gesundheit müssen rigoros überwacht werden. Die einfachen Dinge besser zu machen, ist wahrscheinlich die kosten-effektivste Methode: ein flächendeckendes Syphilis-Screening, die Sicherstellung, dass nicht geimpfte Frauen Tetanus-Toxoid bekommen und sorgfältige Überwachung der Schwangerschaft. Wie Barrows und seine Kollegen zeigen, sollten die Risiken, die durch die Medizin entstehen, nicht ignoriert werden, da sie die Vorteile, die aus einer verbesserten Gesundheit der Mutter und einem besseren Überleben der Neugeborenen entstehen, wieder negativ ausgleichen könnten."

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Quelle: Fernando C Barros, Cesar G Victora, Aluisio J D Barros, Ina Santos, Elaine Albernaz, Alicia Matijasevich, Marlos R Domingues, Iândora K T Sclowitz, Pedro C Hallal, Mariângela F Silveira, J Patrick Vaughan. The challenge of reducing neonatal mortality in middle-income countries: findings from three Brazilian birth cohorts in 1982, 1993, and 2004. Lancet 2005; 365: 847

http://www.thelancet.com


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