Skip to main content
Nicht zur verffentlichung vor 14.00 Uhr (USA Zeitzone "Eastern") Donnerstag, 10. November 2005

Früheste europäische Bauern hinterließen laut Science-Studie kaum eine genetische Spur im modernen Europa:

Moderne Europäer stammen möglicherweise größtenteils von Jägern/Sammlern der Altsteinzeit ab

Die Bauern, die vor etwa 7500 Jahren die Landwirtschaft nach Mitteleuropa brachten, leisteten keinen nachhaltigen Beitrag zur genetischen Struktur moderner Europer. Zu diesem Schluss kam die erste Detailanalyse vorzeitlicher DNA, die aus Skeletten frher europischer Bauern entnommen wurde.

Die leidenschaftlich gefhrte Debatte ber den Ursprung des modernen Europers hat eine lange Geschichte. Dieses Werk nun verleiht dem Argument mehr Gewicht, dass Menschen mitteleuropischer Herkunft grtenteils Nachkmmlinge der Altsteinzeit, also palolithischer Jger und Sammler sind, die sich vor ca. 40.000 Jahren in Europa einfanden, und nicht der ersten Bauern, die erst Zehntausende von Jahren spter, whrend der Jungsteinzeit, erschienen.

Dieser Beitrag erscheint in der Ausgabe der Zeitschrift Science vom 11. November 2005, die von der gemeinntzigen wissenschaftlichen Organisation AAAS herausgegeben wird. Die Forscher aus Deutschland, Grobritannien und Estland entnahmen und analysierten DNA aus den Mitochondrien von 24 Skeletten von 16 Fundorten in Deutschland, sterreich und Ungarn. Sechs dieser 24 Skelette enthalten genetische Signaturen, die in modernen europischen Bevlkerungen extrem selten sind. Auf der Basis dieser Entdeckung kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Bauern der Frhzeit kaum eine genetische Spur in modernen europischen Populationen zurcklieen.

Das war eine berraschung. Ich hatte erwartet, dass die Verteilung der mitochondrialen DNA in diesen frhen Bauern eher der Verteilung entsprechen wrde, wie wir sie heute in Europa antreffen, sagte Science-Autor Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universitt Mainz in Mainz, Deutschland.

Unsere Studie lsst darauf schlieen, dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass der genetische Beitrag frher Bauern so gut wie null ist, sagte Science-Autor Peter Forster von der University of Cambridge in Cambridge, England.

Um ihre Fragen bezglich der Herkunft moderner Europer besser beantworten zu knnen, untersuchten die Forschungswissenschaftler die mitochondriale DNA frher Bauern in Mitteleuropa. Mtter geben mitochondriale DNA in prinzipiell unvernderter Form an ihre Kinder weiter, ohne dass diese mit mitochondrialer DNA der Vter vermischt oder rekombiniert wird. Somit knnen Forscher anhand der mitochondrialen DNA und unter besonderer Bercksichtigung der mtterlichen Abstammung nachverfolgen, wie eng Mitglieder der gleichen Spezies miteinander verwandt sind, erklrte Burger.

In der neuen Studie versuchten die Forscher, mitochondriale DNA aus den Skeletten von 56 Menschen zu entnehmen, die vor etwa 7500 Jahren in verschiedenen Teilen Mitteleuropas lebten. Diese vorzeitlichen Menschen gehrten alle zu gut bekannten Kulturen, die anhand der Verzierungen ihrer Tonwaren identifiziert werden knnen zur Linearbandkeramik (LBK) und zur Alfldi Vonaldiszes Kermia (AVK). Das Vorhandensein dieser Kulturen in Mitteleuropa stellt den Beginn der Landwirtschaft in dieser Region dar. Diese landwirtschaftlichen Praktiken hatten ihren Ursprung im fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens vor ca. 12.000 Jahren.

Die Forscher entnahmen mitochondriale DNA aus den Knochen und Zhnen dieser 56 Skelette; aus 24 von ihnen konnte gengend Erbmaterial zu Analysezwecken gewonnen werden. Sechs der 24 frhen Bauern gehrten gem genetischer Signaturen bzw. Haplotypen in ihrer von den Forschern untersuchten mitochondrialen DNA zur menschlichen Abstammungsgruppe N1a. Diese sechs Skelette stammen von Ausgrabungssttten in ganz Mitteleuropa. Nur wenige moderne Europer gehren zu dieser Abstammungsgruppe N1a, und diese sind ber fast ganz Europa verstreut.

Die anderen 18 frhen Bauern gehrten zu Abstammungsgruppen, die fr die Untersuchung der genetischen Herkunft moderner Europer nutzlos sind, weil ihre aus der analysierten Region der mitochondrialen DNA gewonnenen genetischen Signaturen den Autoren zufolge im heutigen Menschen weit verbreitet sind.

Anhand der Hilfsmittel der Populationsgenetik und einer weltweiten Datenbank mit 35.000 modernen DNA-Proben untersuchten die Forschungswissenschaftler das genetische Erbe frher europischer Bauern unter spezieller Bercksichtigung der Tatsache, dass sechs der 24 frhen europischen Bauern einer Abstammungsgruppe zugehren, die heute in Europa und in der ganzen Welt extrem selten ist.

Mindestens 8 Prozent der frhen Bauern gehrten nach Angaben der Forscher, die von einer mglichen Spanne von schtzungsweise 8 bis 42 Prozent ausgehen, zur Gruppe N1a.

Selbst diese konservative Schtzung von nur 8 Prozent steht in krassem Gegensatz zum aktuellen Prozentsatz von Mitteleuropern, die zur Abstammungsgruppe N1a gehren 0,2 Prozent. Diese Diskrepanz lsst, so die Autoren, darauf schlieen, dass diese frhen Bauern kaum einen genetischen Nachhall in modernen Mitteleuropern hinterlieen.

Es ist interessant, dass eine potenziell wenig bedeutsame Abwanderung von Menschen nach Mitteleuropa einen so enormen kulturellen Einfluss hatte, sagte Forster.

Die Autoren vermuten, dass mglicherweise kleine Pioniergruppen die Landwirtschaft in neue Regionen in Europa brachten. Nachdem die Landwirtschaft einmal Fu gefasst hatte, ist es denkbar, dass die im Umfeld ansssigen Jger/Sammler die neue Kultur annahmen und ihre Zahl die der ursprnglichen Bauern allmhlich berstieg, wodurch ihre N1a-Vorkommenshufigkeit bis auf den niedrigen Stand von heute abgeschwcht wurde. Den Autoren zufolge werden verschiedene Aspekte dieser Hypothese von einer Reihe archologischer Forschungserkenntnisse gesttzt.

Es ist auch vorstellbar, dass die frhen Bauern in Mitteleuropa durch eine andere Population ersetzt wurden, sodass die meisten N1a-Typen mit der Zeit eliminiert wurden. Fr dieses Szenario gibt es jedoch nach Auffassung der Autoren kaum archologische Nachweise.

###

Wolfgang Haak, Barbara Bramanti, Guido Brandt, Marc Tnzer, Kurt Werner Alt und Joachim Burger an der Johannes Gutenberg-Universitt Mainz in Mainz, Deutschland; Peter Forster, Shuichi Matsumura und Colin Renfrew an der University of Cambridge in Cambridge, England; Richard Villems an der Tartu-Universitt in Tartu, Estland; Detlef Gronenborn am Rmisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, Deutschland. Diese Studie wurde vom Bundesministerium fr Bildung und Forschung (BMBF) subventioniert.

Die American Association for the Advancement of Science (AAAS) ist die grte allgemeinwissenschaftliche Organisation der Welt und Herausgeber der Zeitschrift Science (www.sciencemag.org). Die 1848 gegrndete AAAS steht ca. 262 verbundenen wissenschaftlichen Vereinigungen und Akademien und insgesamt 10 Millionen Menschen zu Diensten. Science kann mit einer geschtzten Leserschaft von insgesamt einer Million Menschen auf die grte bezahlte Auflage aller allgemeinwissenschaftlichen Zeitschriften mit Peer Review verweisen. Die gemeinntzige AAAS (www.aaas.org) steht allen offen und erfllt ihre Aufgabe der Frderung der Wissenschaft und des Dienstes an der Gesellschaft durch Initiativen in Wissenschaftspolitik, internationale Programme, wissenschaftliche Bildung und mehr. Melden Sie sich auf EurekAlert! www.eurekalert.org, der fhrenden Website fr Nachrichten aus der Wissenschaft, an, um ber die aktuellsten Nachrichten aus der Forschung informiert zu werden ein Service von AAAS.