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American Association for the Advancement of Science

Früheste europäische Bauern hinterließen laut Science-Studie kaum eine genetische Spur im modernen Europa:

Moderne Europäer stammen möglicherweise größtenteils von Jägern/Sammlern der Altsteinzeit ab

Die Bauern, die vor etwa 7500 Jahren die Landwirtschaft nach Mitteleuropa brachten, leisteten keinen nachhaltigen Beitrag zur genetischen Struktur moderner Europäer. Zu diesem Schluss kam die erste Detailanalyse vorzeitlicher DNA, die aus Skeletten früher europäischer Bauern entnommen wurde.

Die leidenschaftlich geführte Debatte über den Ursprung des modernen Europäers hat eine lange Geschichte. Dieses Werk nun verleiht dem Argument mehr Gewicht, dass Menschen mitteleuropäischer Herkunft größtenteils Nachkömmlinge der „Altsteinzeit“, also paläolithischer Jäger und Sammler sind, die sich vor ca. 40.000 Jahren in Europa einfanden, und nicht der ersten Bauern, die erst Zehntausende von Jahren später, während der Jungsteinzeit, erschienen.

Dieser Beitrag erscheint in der Ausgabe der Zeitschrift Science vom 11. November 2005, die von der gemeinnützigen wissenschaftlichen Organisation AAAS herausgegeben wird. Die Forscher aus Deutschland, Großbritannien und Estland entnahmen und analysierten DNA aus den Mitochondrien von 24 Skeletten von 16 Fundorten in Deutschland, Österreich und Ungarn. Sechs dieser 24 Skelette enthalten genetische Signaturen, die in modernen europäischen Bevölkerungen extrem selten sind. Auf der Basis dieser Entdeckung kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Bauern der Frühzeit kaum eine genetische Spur in modernen europäischen Populationen zurückließen.

„Das war eine Überraschung. Ich hatte erwartet, dass die Verteilung der mitochondrialen DNA in diesen frühen Bauern eher der Verteilung entsprechen würde, wie wir sie heute in Europa antreffen“, sagte Science-Autor Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Mainz, Deutschland.

„Unsere Studie lässt darauf schließen, dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass der genetische Beitrag früher Bauern so gut wie null ist“, sagte Science-Autor Peter Forster von der University of Cambridge in Cambridge, England.

Um ihre Fragen bezüglich der Herkunft moderner Europäer besser beantworten zu können, untersuchten die Forschungswissenschaftler die mitochondriale DNA früher Bauern in Mitteleuropa. Mütter geben mitochondriale DNA in prinzipiell unveränderter Form an ihre Kinder weiter, ohne dass diese mit mitochondrialer DNA der Väter vermischt oder rekombiniert wird. Somit können Forscher anhand der mitochondrialen DNA und unter besonderer Berücksichtigung der mütterlichen Abstammung nachverfolgen, wie eng Mitglieder der gleichen Spezies miteinander verwandt sind, erklärte Burger.

In der neuen Studie versuchten die Forscher, mitochondriale DNA aus den Skeletten von 56 Menschen zu entnehmen, die vor etwa 7500 Jahren in verschiedenen Teilen Mitteleuropas lebten. Diese vorzeitlichen Menschen gehörten alle zu gut bekannten Kulturen, die anhand der Verzierungen ihrer Tonwaren identifiziert werden können – zur Linearbandkeramik (LBK) und zur Alföldi Vonaldiszes Kerámia (AVK). Das Vorhandensein dieser Kulturen in Mitteleuropa stellt den Beginn der Landwirtschaft in dieser Region dar. Diese landwirtschaftlichen Praktiken hatten ihren Ursprung im „fruchtbaren Halbmond“ des Nahen Ostens vor ca. 12.000 Jahren.

Die Forscher entnahmen mitochondriale DNA aus den Knochen und Zähnen dieser 56 Skelette; aus 24 von ihnen konnte genügend Erbmaterial zu Analysezwecken gewonnen werden. Sechs der 24 frühen Bauern gehörten gemäß genetischer Signaturen bzw. „Haplotypen“ in ihrer von den Forschern untersuchten mitochondrialen DNA zur menschlichen Abstammungsgruppe „N1a“. Diese sechs Skelette stammen von Ausgrabungsstätten in ganz Mitteleuropa. Nur wenige moderne Europäer gehören zu dieser Abstammungsgruppe N1a, und diese sind über fast ganz Europa verstreut.

Die anderen 18 frühen Bauern gehörten zu Abstammungsgruppen, die für die Untersuchung der genetischen Herkunft moderner Europäer nutzlos sind, weil ihre aus der analysierten Region der mitochondrialen DNA gewonnenen genetischen Signaturen den Autoren zufolge im heutigen Menschen weit verbreitet sind.

Anhand der Hilfsmittel der Populationsgenetik und einer weltweiten Datenbank mit 35.000 modernen DNA-Proben untersuchten die Forschungswissenschaftler das genetische Erbe früher europäischer Bauern unter spezieller Berücksichtigung der Tatsache, dass sechs der 24 frühen europäischen Bauern einer Abstammungsgruppe zugehören, die heute in Europa und in der ganzen Welt extrem selten ist.

Mindestens 8 Prozent der frühen Bauern gehörten nach Angaben der Forscher, die von einer möglichen Spanne von schätzungsweise 8 bis 42 Prozent ausgehen, zur Gruppe N1a.

Selbst diese konservative Schätzung von nur 8 Prozent steht in krassem Gegensatz zum aktuellen Prozentsatz von Mitteleuropäern, die zur Abstammungsgruppe N1a gehören – 0,2 Prozent. Diese Diskrepanz lässt, so die Autoren, darauf schließen, dass diese frühen Bauern kaum einen genetischen Nachhall in modernen Mitteleuropäern hinterließen.

„Es ist interessant, dass eine potenziell wenig bedeutsame Abwanderung von Menschen nach Mitteleuropa einen so enormen kulturellen Einfluss hatte“, sagte Forster.

Die Autoren vermuten, dass möglicherweise kleine Pioniergruppen die Landwirtschaft in neue Regionen in Europa brachten. Nachdem die Landwirtschaft einmal Fuß gefasst hatte, ist es denkbar, dass die im Umfeld ansässigen Jäger/Sammler die neue Kultur annahmen und ihre Zahl die der ursprünglichen Bauern allmählich überstieg, wodurch ihre N1a-Vorkommenshäufigkeit bis auf den niedrigen Stand von heute abgeschwächt wurde. Den Autoren zufolge werden verschiedene Aspekte dieser Hypothese von einer Reihe archäologischer Forschungserkenntnisse gestützt.

Es ist auch vorstellbar, dass die frühen Bauern in Mitteleuropa durch eine andere Population ersetzt wurden, sodass die meisten N1a-Typen mit der Zeit eliminiert wurden. Für dieses Szenario gibt es jedoch nach Auffassung der Autoren kaum archäologische Nachweise.

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Wolfgang Haak, Barbara Bramanti, Guido Brandt, Marc Tänzer, Kurt Werner Alt und Joachim Burger an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Mainz, Deutschland; Peter Forster, Shuichi Matsumura und Colin Renfrew an der University of Cambridge in Cambridge, England; Richard Villems an der Tartu-Universität in Tartu, Estland; Detlef Gronenborn am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, Deutschland. Diese Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) subventioniert.

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