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PUBLIC RELEASE DATE: 4 august 2004

Neue Erkenntnisse zur Wanderung gefährdeter Meeresschildkröten



Vom Aussterben bedroht: die Lederschildkrte

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An der Atlantikkste von Franzsisch-Guayana schickt Europa seine Weltraummissionen ins All doch gleichzeitig ist sie auch der Ausgangspunkt fr eine ganz andere, kaum weniger bemerkenswerte Reise: die Wanderung der vom Aussterben bedrohten Lederschildkrten.

Dieses faszinierende Phnomen erforschen Wissenschaftler jetzt nher. Mithilfe von Funk-Positionsmeldern verfolgen sie die lange Reise einzelner Schildkrten und vergleichen den Verlauf anschlieend mit Daten zu den dabei herrschenden Seebedingungen. Dabei sttzen sie sich unter anderem auf Meeresstrmungskarten, die beinahe in Echtzeit aus Daten der ESA-Satelliten ERS-2 und Envisat gewonnen werden.

Das Ziel dabei: Die Wissenschaftler suchen nach Zusammenhngen zwischen den oft sonderbar verschlungenen Wegen der Schildkrten und den vorliegenden Seebedingungen vor Ort. Werden sie fndig, knnte das gute Nachrichten fr die Schildkrten bedeuten. Denn ihr berleben ist durch die Tiefseefischerei massiv gefhrdet was von den Fischern zwar nicht unbedingt beabsichtigt ist, aber bislang unvermeidlich erschien. Mit entsprechenden Erkenntnissen knnte sich das ndern. Denn dann knnte man neue Strategien entwickeln, um die Gefhrdung fr die Meeresreptilien zu minimieren.

Im Atlantik gibt es nur noch zwei groe Brutsttten fr die imposanten Tiere, die gute zwei Meter lang werden und 365 Kilogramm auf die Waage bringen knnen die Strnde von Franzsisch-Guayana und dem benachbarten Surinam. Etwa neun Wochen, nachdem die Schildkrten dort ihre Eier abgelegt haben, schlpft der Nachwuchs und krabbelt in Scharen zurck ins Meer. Dort wchst er zur Geschlechtsreife heran, bis er eines Tages an dieselben Strnde zurckkehrt, um dort seine eigenen Eier dem Sand anzuvertrauen.

Dass es dazu kommt, ist jedoch leider keineswegs sicher. Auf hoher See tauchen die Schildkrten bei der Nahrungssuche zwar bis zu 1.230 Meter tief, die meiste Zeit jedoch halten sie sich in Tiefen bis maximal 250 Meter auf. Dort allerdings warten auch die Haken der Langleinenfischer auf Beute allein im Atlantik mehrere Hunderttausend.

So gehen den Fischern immer wieder ungewollt Lederschildkrten an den Haken. Im Pazifik und im Indischen Ozean hat dies dazu gefhrt, dass die 100 Millionen Jahre alte Spezies akut vom Aussterben bedroht ist. Etwas besser sieht die Situation derzeit noch im Atlantik aus, was unter anderem der US-Regierung zu verdanken ist, die ihren Fischern den Einsatz von Langleinen im Nordatlantik verboten hat. Doch trotz alledem geht die Schildkrtenpopulation auch dort rapide zurck.

Der Zwischenstand der bisherigen Arbeit der Wissenschaftler wurde vor kurzem in einem Aufsatz in der renommierten Fachzeitschrift Nature verffentlicht. Die ersten Erkenntnisse zur Wanderung der Lederschildkrten im Atlantik waren eine internationale Gemeinschaftsarbeit: Neben Forschern des Nationalen Forschungszentrums im franzsischen Straburg und der benachbarten Louis-Pasteur-Universitt waren auch Kollegen des regionalen Umweltministeriums von Franzsisch-Guayana beteiligt.

Mit von der Partie war darber hinaus auch die Firma Collecte Localisation Satellites (CLS) aus Ramonville bei Toulouse, ein Raumfahrttechnikunternehmen, das auf satellitengesttzte Systeme fr die Positionsermittlung, Datenerfassung und Erdbeobachtung spezialisiert ist.



Schildkrtenwanderung, berlagert mit Hhenmessungsdaten

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Ausgangspunkt der Forscher war die Beobachtung, dass sich die Wanderung der pazifischen Lederschildkrten auf relativ enge Korridore beschrnkt. Wenn dies bei ihren atlantischen Artverwandten ebenfalls der Fall wre, knnte man die Fischerei in diesen Zonen entsprechend einschrnken so zumindest die Hoffnung der Wissenschaftler.

Seit 1999 verfolgten sie daher zunchst den Weg einzelner Schildkrten Mithilfe des von CLS betriebenen Argos-Systems. Dieses arbeitet mit Funkpeilsendern, deren Position auf der ganzen Welt auf 150 Meter genau festgestellt werden kann. Sechs US-amerikanische NOAA-Satelliten haben derzeit Argos-Empfnger an Bord, ab nchstem Jahr sollen sie durch die MetOp-Familie der ESA Gesellschaft bekommen.

Im zweiten Schritt wurden die Reisestrecken der Schildkrten dann ber Karten mit Meeresspiegelanomalien gelegt, die aus Radar-Hhenmessungen des ESA-Satelliten ERS-2 und des NASA-CNES-Satelliten TOPEX-Poseidon erstellt wurden.

ERS-2 und sein Nachfolger Envisat gehren zu den wenigen Satelliten, die mit einem Hhenmesser-Radar (Radar-Altimeter oder abgekrzt RA) ausgerstet sind. Dieses berzieht die Meeresoberflche jede Sekunde mit Tausenden von Radarimpulsen und kann dadurch die Hhe des Meeresspiegels uerst przise messen. Ergeben sich dabei Hhenanomalien, kann dies ein Indiz fr Strmungen oder Wasserwirbel sein denn warme Strmungen liegen teilweise bis zu einen Meter hher als kltere Wasserschichten.

Um ganz sicher zu gehen, kombinieren die Wissenschaftler zustzlich die Messungen mehrerer Radarsatelliten. So erhalten sie deutlich dichtere und feiner auflsende Messdaten, als es ihnen mit nur einem Satelliten mglich wre. Nach dem Ende der ERS-2-Mission will man nun Daten des RA-2-Instruments von Envisat mit hnlichen Daten des franzsisch-amerikanischen Gemeinschaftssatelliten Jason und des GFO-Satelliten der US Navy zusammenfhren.

Die Hhenmessungsdaten helfen uns bei unserer Arbeit sehr weiter, denn auf diese Weise knnen wir den Weg der Schildkrten mit den Meeresstrmungen vergleichen, erklrt Philippe Gaspar, einer der Autoren des Nature-Artikels und Leiter der Satellitenozeanografie-Abteilung bei CLS. Dabei hat sich gezeigt, dass im Verlauf ihrer Wanderung ganz unterschiedliche Zusammenhnge zu beobachten sind.

Anders als ihre Verwandten im Pazifik halten sich die atlantischen Lederschildkrten nicht an enge Wanderkorridore, sondern wandern ziemlich verstreut umher. Am Anfang ihrer Reise schwimmen sie lange, fast gerade Strecken nach Norden oder in Richtung quator. Wenn sie dabei auf irgendwelche Strme stoen, kreuzen sie sie einfach. Ein Exemplar hat erst 500 Kilometer vor Westafrika halt gemacht, ein anderes kam bis kurz vor Neuschottland.

Wenn sie es dann bis zum Golfstrom oder zum quatorgrtel geschafft haben, werden sie in der Regel langsamer und folgen den Frontalzonen der dortigen Strmungssysteme, die meist sehr fischreich sind.

Doch gerade der Fischreichtum dieser Frontalzonen wird den Schildkrten zum Verhngnis denn natrlich zieht er auch die Fischfangflotten an. So schwimmen die Reptilien praktisch geradewegs ins Verderben. Ein regional beschrnkter Fischereistopp im Atlantik drfte daher nach dem aktuellen Erkenntnisstand nur begrenzt Erfolg haben, was den Beifang unter den Schildkrten angeht. Die Suche nach Alternativlsungen ist also im vollen Gange. Ein erstes Ergebnis: Schildkrtensichere Ausrstungen und Haken, die das bisherige Arbeitsgert der Fischer ersetzen knnten eine von der NOAA entwickelte Lsung, die auch schon die Untersttzung des World Wildlife Fund gefunden hat.

Dennoch verfolgen die Wissenschaftler die Wanderung der Lederschildkrten weiter, wie Gaspar angibt: Momentan versuchen wir, die Schwimmgeschwindigkeit der Schildkrten abzuschtzen. Dazu ermitteln wir ber das Argos-System ihre Geschwindigkeit ber Grund und verrechnen diese dann mit der Strmungsgeschwindigkeit, die wir aus den Radar-Hhenmessungen erhalten. Diese Vorgehensweise ist bisher einzigartig wir erhoffen uns davon wichtige Daten darber, wie viel Energie die Schildkrten bei ihrer Wanderung aufwenden.

Untersttzung bekommen die Forscher von Schulen in Frankreich. Dort knnen Klassen im Rahmen der Ozeanografie-Lerninitiative Argonautica am Projekt Argo-luth teilnehmen und die Bewegungen der Schildkrten anhand des MERCATOR-Modells analysieren einem Modell, das den Nord- und quatorialatlantik abdeckt und Radar-Hhenmessungsdaten operationalisiert.

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