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"Casanova-Gen" bei weiblichen Singvögeln entdeckt

Max-Planck-Gesellschaft

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IMAGE: Zebrafinken-Pärchen. view more

Credit: © MPI für Ornithologie

Weibchen bekommen das "Fremdgeh-Gen" von ihren Vätern vererbt

Diese Pressemitteilung ist verfügbar auf Englisch.

Viele Vögel gelten als monogam. Jedoch ist Fremdgehen ein weit verbreitetes Phänomen. Die Vorteile für das Männchen liegen auf der Hand. Es kann auf diese Weise die Anzahl seiner Nachkommen erhöhen. Für die Weibchen sieht dies anders aus. Die betrogenen Partner reduzieren manchmal ihre Brutfürsorge. Zudem übertragen fremde "Liebhaber" auch Krankheitserreger. Dennoch suchen manche Weibchen aktiv nach diesen Kontakten. Warum das so ist, haben nun Forscher am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen an Zebrafinken untersucht. In einer genetischen Langzeitstudie fanden sie heraus, dass die weiblichen Singvögel die Bereitschaft zum Fremdgehen von ihren Vätern vererbt bekommen.

Lange Zeit war man der Ansicht, dass die meisten Vogelarten eine strikt monogame Lebensweise führen. Doch durch molekulargenetische Methoden haben Wissenschaftler in den letzten 20 Jahren herausgefunden, dass viele Jungvögel nicht von ihrem genetischen Vater abstammen. Die Erklärung, wie diese "außerpaarlichen Vaterschaften" zustandekommen, schien zunächst plausibel zu sein. Die Männchen erhöhten ihren Fortpflanzungserfolg durch eine höhere Anzahl an Nachkommen und die Weibchen bekamen hochwertige Gene, wenn sie nach attraktiven Paarungspartnern Ausschau hielten.

In jüngster Zeit kamen jedoch Zweifel an dieser These auf. Die tatsächlichen Vorteile für die Weibchen waren nicht so hoch, wie es aufgrund der Theorie erwartet wurde. Im Gegenteil: Die negativen Aspekte überwiegen. So reduzieren die betrogenen Männchen manchmal ihre Brutfürsorge. Unterstützung durch außerpaarliche Väter ist nicht zu erwarten, da diese lieber ihrer eigenen Partnerin helfen. Die Frage blieb also offen, warum manche Weibchen sich dennoch aktiv auf die Suche nach fremden Männchen machen.

Der Verhaltensökologe Wolfgang Forstmeier und seine Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben an monogam lebenden Zebrafinken nun eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen gefunden. In einem Zeitraum von acht Jahren untersuchten die Forscher das Sexualverhalten von über 1500 Tieren. Zunächst unterzogen sie unverpaarte Männchen und Weibchen in Käfigen einem Test ihrer sexuellen Motivation oder Libido. Danach wurde ein Teil dieser Tiere in Volieren gesetzt, um zu testen, wie sich sozial monogam verpaarte Individuen innerhalb einer größeren Gruppe zueinander verhalten. Durch eine Videoüberwachung rund um die Uhr wurde beobachtet, wie die verpaarten Weibchen auf Annäherungsversuche des eigenen Partners und von fremden Männchen reagierten. Zusätzlich führten die Forscher mithilfe der "Mikrosatelliten-Marker-Methode" einen genetischen Vaterschaftstest durch, um die Anzahl der Jungen zu bestimmen, die ein Männchen in einem fremden Nest gezeugt hatte. Ebenso wurde die Anzahl der Jungen ermittelt, die jedes Weibchen gemeinsam mit einem fremden Männchen hatte.

Das Ergebnis überraschte. Offenbar stammt die Bereitschaft der Weibchen zu außerpaarlichen Kontakten von Vätern ab, die ebenfalls oft fremdgingen. Die Veranlagung zur Untreue weist zwar nur eine mäßig starke, aber evolutionsbiologisch doch entscheidende genetische Grundlage auf. Da die Bereitschaft zur Untreue von Vätern an Töchter weitervererbt wird, kamen die Forscher zu einer Neuinterpretation weiblicher Untreue. Es ist also gar nicht unbedingt notwendig, dass sich dieses Verhalten für die Weibchen im evolutionären Sinne bezahlt macht", sagt Wolfgang Forstmeier, Autor der Studie. „Vielmehr reicht es aus, dass die männlichen Vorfahren von ihrer Promiskuität profitierten. Ein "Casanova-Gen" wird solange an Häufigkeit innerhalb einer Population zunehmen, solange die Nutzen für die männlichen Genträger größer sind als die Kosten für die weiblichen Genträger."

Ob sich diese Hypothese von einer korrelierten Evolution von männlicher und weiblicher Untreue auch auf den Menschen übertragen lässt, muss derzeit noch als spekulativ gelten. Wenig Zweifel besteht allerdings darin, dass es genetische Grundlagen für viele Aspekte menschlichen Sexual- und Paarbindungsverhaltens gibt. „Inwieweit es aber dieselben Gene sind, welche weibliches und männliches Verhalten in ähnlicher Weise beeinflussen, werden weiterführende Studien zu beantworten haben", so Forstmeier.

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