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Wie Städte ihr Hinterland aussaugen

Linköping University

Großstädte zehren vom wirtschaftlichen Potenzial ihres Hinterlands und Landflucht befeuert regio-nale Ungleichheiten. Menschen, die ländliche Regionen in Richtung Stadt verlassen, haben eine deutlich bessere Ausbildung und sind im Durchschnitt intelligenter als diejenigen, die im ländlichen Raum zurückbleiben. Die starke Wirtschaftsleistung vieler Städte ist damit nicht, wie vielfach ange-nommen, Ergebnis eines sich selbstverstärkenden Prozesses von Verdichtung, sozialem Austausch und Innovation, sondern hängt maßgeblich vom Zuzug gutausgebildeter Fachkräfte ab.

„Unsere Forschung zeigt, dass Menschen, die ländliche Gebiete in Richtung Stadt verlassen, im Durch-schnitt besser ausgebildet sind und über höhere kognitive Fähigkeiten verfügen. Diese selektive Mig-ration unterstützt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Großstädten und trägt gleichzeitig zum Niedergang bevölkerungsarmer Regionen bei", sagt Dr. Marc Keuschnigg, Soziologe aus München und Erstautor der Studie des schwedischen Instituts für Analytische Soziologie, Linköping University.

Das +15% Phänomen städtischen Lebens

Ein interdisziplinäres Forschungsfeld, bekannt unter dem Namen urban scaling, untersucht die wirt-schaftlichen Vorteile städtischen Zusammenlebens. Von besonderer Bedeutung ist der Befund, dass sich viele ökonomische und soziale Indikatoren nicht einfach proportional zur Stadtgröße verändern, sondern sogenannten nicht-linearen Dynamiken folgen: Eine Verdopplung der Einwohnerzahl bei-spielsweise führt zu einer Steigerung des stadtweiten Einkommens, der Zahl neuangemeldeter Paten-te, der Anzahl von Umzügen oder der Zahl von Ehescheidungen nicht um 100%, sondern um 115%. Diese überproportionalen Steigerungen signalisieren, dass die Produktivität und die Geschwindigkeit des Lebens von Städtern zunehmen, sobald Städte größer werden.

Physiker und Komplexitätsforscher schlugen unterschiedliche mathematische Modelle vor, die Zu-nahmen zwischenmenschlichen Austauschs in dichtbesiedelten Regionen als Ursache dieser Beschleu-nigungstendenz benennen. Großstädte bieten ganz einfach mehr Leute, mit denen Waren, Dienstleis-tungen und Informationen ausgetauscht, Innovationen vorangetrieben und neue Lebensformen aus-probiert werden können. Die bisherige Forschung zu urban scaling versteht städtisches Wachstum daher als einen sich selbstverstärkenden Prozess von Verdichtung und sozialem Austausch, der zum Wohlstand der Gesellschaft insgesamt beiträgt.

Stadtmenschen und Landflucht

Auf der Datengrundlage schwedischer Bevölkerungsregister prüften Marc Keuschnigg und seine Kolle-gen, inwieweit das +15%-Phänomen tatsächlich auf die engere Vernetzung und den erhöhten zwi-schenmenschlichen Austausch in großen Städten zurückzuführen ist. Das umfangreiche Datenmaterial enthält Angaben zu Wohnort, Ausbildung, IQ, Arbeitserfahrung und Einkommen der schwedischen Bevölkerung - und erfasst damit die Unterschiede in der Bevölkerungszusammensetzung ländlicher und städtischer Regionen. Damit stehen der Forschung erstmalig genaue Informationen zu den Ursa-chen der berichteten Nichtlinearitäten zur Verfügung. Die Studie zeigt nun, dass sozialer Austausch nur eine Teilerklärung für Agglomerationseffekte bietet und dass stattdessen Unterschiede in der Bevöl-kerungszusammensetzung von Stadt und Land wesentlich zum +15%-Phänomen beitragen. Deutlich wird auch, dass vor allem Mitglieder privilegierter sozialer Gruppen vom Leben in der Stadt profitieren.

„Diese Befunde sind von erheblicher politischer Relevanz, weil sie die Bedeutung von Wanderungsbe-wegung gut ausgebildeter und intelligenter Menschen von ländlichen Gebieten in Metropolregionen als eine Ursache von Agglomerationseffekten nachweisen. Diese Wanderungsbewegungen sind fol-genreich, weil sie kumulative Effekte sowohl im ländlichen wie im städtischen Raum haben", sagt Keuschnigg weiter.

Schweden, die von bevölkerungsarmen Regionen in Großstädte umsiedeln, haben durchschnittlich 1,8 Jahre mehr im Bildungssystem verbracht als ihre Altersgenossen, die im ländlichen Raum verbleiben. Ein Intelligenztest, den schwedische Männer im Rahmen ihrer Musterung durchlie-fen, weist darauf hin, dass Umzügler in die Großstädte auf einer neunstufigen Intelligenzskala um 0.8 Einheiten besser abschneiden als die Zurückgebliebenen. Großstädte zehren somit vom sozioökono-mischen Potenzial ihres Hinterlands und verstärken die wachsenden Stadt-Land-Unterschiede in vielen wirtschaftlich hochentwickelten Ländern.

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Kontakt: Dr. Marc Keuschnigg, Associate Professor am Institute for Analytical Sociology, Linköping University, Schweden. +49 1520 8342590, marc.keuschnigg@liu.se

Dr. Marc Keuschnigg promovierte 2012 an der LMU München und nutzt für seine Forschung den Werk-zeugkasten der Computational Social Science. Seine Veröffentlichungen zu den sozialen Einflüssen auf menschliches Verhalten und den daraus hervorgehenden kollektiven Dynamiken wurden mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet.

Artikel: Marc Keuschnigg, Selcan Mutgan, Peter Hedström (2019) Urban scaling and the regional divide. Science Advances 5: eaav0042 http://advances.sciencemag.org/content/5/1/eaav0042

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