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PUBLIC RELEASE DATE: 7 Juni 2006

Sensationsfund: Die ''Mini-Dinosaurier'' aus dem Harz

Knochenfunde stammen von Zwerg-Sauropoden / Insellage führte zur Größenabnahme

Als man 1998 in einem Steinbruch am nrdlichen Harzrand ungewhnlich kleine Dinosaurierfossilien entdeckte, ging man zunchst davon aus, man sei auf eine Gruppe von Jungtieren gestoen. Ein Trugschluss, wie nun der Bonner Palontologe Dr. Martin Sander festgestellt hat: Die Feinstruktur der Knochen lasse mit groer Sicherheit darauf schlieen, dass die Tiere ausgewachsen gewesen seien - eine wissenschaftliche Sensation: Mit einem geschtzten Maximalgewicht von einer Tonne wren sie nur knapp ein Fnfzigstel so schwer gewesen wie ihre nchsten Verwandten, die Brachiosaurier, und damit bei weitem die kleinsten Riesendinosaurier, die je gefunden wurden. Die Studie erscheint am Donnerstag, 8. Juni, in der Fachzeitschrift "Nature".

In Dino-Knochen gibt es so genannte Wachstummarken, hnlich wie Jahresringe bei Bumen. In der Jugend liegen sie vergleichsweise weit auseinander, weil das Tier noch schnell wchst. Hat der Saurier seine Maximalgre erreicht, rcken die Marken entsprechend eng aneinander. "Und genau diese dicht gedrngten Marken haben wir knapp unter der Oberflche der fossilen Knochen entdeckt", sagt der Bonner Privatdozent Dr. Martin Sander, einer der wenigen Experten weltweit fr die Feinstruktur der Dino-Gebeine. "Die Tiere mssen also ausgewachsen gewesen sein, als sie starben." Damit ist die neu entdeckte Gattung im Vergleich zu den brigen Riesendinosauriern ein Zwerg: Die Tiere wurden kaum lnger und schwerer als ein Pkw. "Bei sechs Metern Lnge und einer Tonne Krpermasse war Schluss", schtzt Sander. Ihre Verwandten wurden hingegen bis zu 45 Meter lang und brachten 80 Tonnen auf die Waage - soviel wie die Bewohner einer Kleinstadt mit ber 1.000 Einwohnern. Sie sind die grten Landtiere, die jemals gelebt haben.

Elefanten klein wie Bernhardiner und der "Hobbit von Flores"

Die 150 Millionen Jahre alten Knochenfunde galten schon zuvor als wissenschaftliche Raritt: Zu jener Zeit lagen weite Teile Deutschlands unter Wasser. Nur wenige Inseln erhoben sich ber den Meeresspiegel - so auch die Region um Oker. Dinosaurier sind aber Landtiere; entsprechend selten sind Fossilfunde in Deutschland. Gerade diese Situation ist aber der Grund dafr, dass die "Saurier-Pygmen" entstanden: Als der Meeresspiegel stieg und mehr und mehr Land den Fluten zum Opfer fiel, wurden die Nahrungsressourcen knapp. "Daher entstand ein enormer Selektionsdruck: Kleine Tiere, die weniger Nahrung bentigten, hatten bessere berlebenschancen", erklrt Nils Kntschke vom Dinosaurier-Freilichtmuseum Mnchehagen, der mehr als 80 Prozent der gefundenen Knochen prpariert hat und auch die Ausgrabungen im Steinbruch leitete. "Eine derartige Grenabnahme bei eingeschrnktem Nahrungsangebot kann extrem schnell erfolgen, manchmal innerhalb von 10 oder 20 Generationen", besttigt Dr. Sander. So htten die Englnder einst Hirsche auf den Shetland-Inseln ausgesetzt, die sich binnen kurzer Zeit zu Zwergformen entwickelt htten. Auf den Inseln des heutigen Indonesiens gab es gar Zwergelefanten, die mit 90 Zentimeter Schulterhhe kaum grer waren als ein Bernhardiner - klein genug, um dem "Drachen des Orients", dem Komodo-Waran, als Nahrung zu dienen. Dazu passt auch ein Fund, den Wissenschaftler im vergangenen Jahr ebenfalls in der Zeitschrift "Nature" publizierten: Auf der indonesischen Insel Flores hatten sie 18.000 Jahre alte Knochen eines menschlichen "Zwergs" entdeckt. Dieser "Hobbit von Flores" wurde nur einen Meter gro.

Taufpate: Christian Wulff

Entdeckt wurden die Sensationsknochen bereits vor acht Jahren: Im September 1998 war der Hobby-Palontologe Holger Luedtke im Steinbruch Langenberg bei Oker am nrdlichen Harzrand auf Zhne und andere berreste eines pflanzenfressenden Dinosauriers gestoen. Das Tier erhielt den vorlufigen Namen "Hanna"; "Taufpate" wurde der niederschsische Ministerprsident Christian Wulff. "Hanna" wird nun einen neuen wissenschaftlichen Namen bekommen: Der Mini-Dino soll zu Ehren seines Entdeckers "Europasaurus holgeri" heien.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat in dem Steinbruch seit 1998 auf Einladung des "Vereins zur Frderung der niederschsischen Palontologie e.V." ber 1.000 Saurierfossilien geborgen und prpariert. Aufgrund der geringen Gre nahm man damals noch an, auf eine Herde von Jungtieren gestoen zu sein. Die wissenschaftliche Beschreibung der neuen weltweit einzigartigen Insel-Dinosaurier Gattung wurde von Dr. Octvio Mateus vom Museu da Lourinha in Portugal geleitet. Der Palontologe Thomas Laven beschftigte sich eingngig mit "Hannas" Schdel: Es ist bislang der einzige Schdelfund eines sauropoden Dinosauriers in Europa. Laven fertigte Rekonstruktionszeichnungen an, nach denen inzwischen naturgetreue Modelle des Mini-Dinosauriers erstellt wurden. Sie sind im Dinopark Mnchehagen (http://www.dino-park.de/) zu bewundern. Der Steinbruch im Harz hat sich derweil als ein wahres Dino-"El Dorado" entpuppt - mit wunderschnen Fossilfunden von Flugsauriern, Krokodilen und Schildkrten. Sogar die Fuabdrcke gefhrlicher Raubsaurier fand man an den Steilwnden des Steinbruchs. Damit gehrt diese Fundstelle zu einer der wenigen weltweit, in der die Knochen und die Fuabdrcke von Dinosauriern gemeinsam vorkommen - ein wahrer "Jurassic-Harz", vom dem Steven Spielberg getrumt htte.

Bone histology indicates insular dwarfism in a new Late Jurassic sauropod dinosaur/ P. Martin Sander, Octvio Mateus, Thomas Laven & Nils Kntschke

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