News Release

Ein Drittel der Menschen meidet Informationen zur eigenen Gesundheit

Vertrauen ins Gesundheitssystem spielt eine zentrale Rolle

Peer-Reviewed Publication

Max Planck Institute for Human Development

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Don't open the letter. Many people avoid medical information out of fear of being overwhelmed, stigmatized, or because they don't trust the healthcare system. 

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Credit: MPI for Human Development

Krankheiten früh zu erkennen ist oft der Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung. Dennoch gehen zu wenige Menschen zu Vorsorge, Früherkennung oder Check-ups. Warum ist das der Fall? Mangelnde Aufklärung oder hohe Kosten können das Verhalten vielfach nicht erklären: In Deutschland etwa weisen Krankenkassen ihre Versicherte auf entsprechende Angebote hin, die Kosten werden vielfach übernommen.  Was also hält Menschen davon ab?  

Forschende des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin geben eine durchaus überraschende Antwort: Rund ein Drittel der Menschen möchte nichts über mögliche schwere Erkrankungen wissen – selbst wenn sie potenziell betroffen sind. „Eine Möglichkeit ist, dass Menschen sich ganz bewusst zu gewolltem Nichtwissen entscheiden. Das ist ein Phänomen, das wir bereits aus anderen Lebenskontexten kennen und das ganz vielfältige Gründe haben kann“, sagt Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Realität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und einer der Mitautoren der Studie. 

Meta-Analyse von 92 Studien weltweit 

Die Forschenden haben Daten aus 92 Studien mit insgesamt 564.497 Teilnehmenden  aus 25 Ländern inklusive Deutschland analysiert. Sie wollten wissen, wie weit verbreitet die Vermeidung medizinischer Informationen ist und welche Gründe Menschen dafür haben. Derartige Prävalenzschätzungen fehlten bisher auf globaler Ebene. Dabei sind sie für die Ausgestaltung von Gesundheitssystemen entscheidend, etwa in Bezug auf aktuelle Bestrebungen, Menschen mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übertragen. 

Die analysierten Studien umfassen unter anderem die Krankheiten Alzheimer, Huntington, HIV/Aids, Krebs und Diabetes. Als Informationsvermeidung definierten die Autoren „jede Form von Verhalten, die darauf abzielt, die Beschaffung verfügbarer, aber potenziell unerwünschter Informationen zu verhindern oder zu verzögern“. Dazu gehört beispielsweise, Arztbesuche hinauszuzögern oder gar nicht erst wahrzunehmen, medizinische Tests nicht durchzuführen oder die Ergebnisse nicht zur Kenntnis zu nehmen, Aufklärungsmaterialien zu ignorieren. 

Das Phänomen, die Augen insbesondere vor schweren Krankheiten zu verschließen, ist demnach keineswegs ungewöhnlich: Fast ein Drittel der Studienteilnehmenden meidet medizinische Informationen oder wird sie wahrscheinlich meiden. Am höchsten war die Quote bei den beiden unheilbaren neurodegenerativen Krankheiten. Bei Alzheimer lag sie bei 41 Prozent, bei Huntington bei 40 Prozent. Bei schweren, aber behandelbaren Krankheiten wie einer HIV-Infektion oder Krebs sank sie auf 32 respektive 29 Prozent. Mit 24 Prozent am geringsten ausgeprägt, aber immer noch bedenklich hoch, war das Vermeidungsverhalten bei Diabetes, der zwar chronisch, aber gut behandelbar ist.  

Warum Menschen Informationen ausblenden 

Besonders aufschlussreich ist die Analyse der Gründe. Die Forschenden haben insgesamt 16 wichtige Faktoren ermittelt, die ein Vermeidungsverhalten begünstigen – weder Geschlecht noch ethnische Zugehörigkeit fielen darunter. Die stärksten Prädiktoren waren vielmehr: 

  • kognitive Überforderung, weil beispielsweise eine Krebserkrankung komplex und aufreibend sein kann, 
  • ein gering ausgeprägtes Gefühl der Selbstwirksamkeit, also der Eindruck, die Gesundheit nicht selbst in die Hand nehmen zu können, 
  • die Furcht vor Stigmatisierung etwa durch einen positiven HIV-Test, 
  • und schließlich mangelndes Vertrauen in das medizinische System und damit eine geringere Hoffnung, gut behandelt zu werden. 

Aufgrund der Datenlage nicht untersuchen konnten die Forschenden, in welchem Ausmaß die Vermeidung den Gesundheitszustand der Bevölkerung beeinflusst. Dazu sind weitere Studien nötig. Zudem zogen sie keine direkten Vergleiche zwischen einzelnen Ländern. Die Studie zeigt also nicht, ob das Verhalten etwa in Deutschland anders ist als in Frankreich oder den USA. 

Was sich daraus für die Gesundheitspolitik ableiten lässt 

Für die künftige Gesundheitspolitik lassen sich dennoch wichtige Schlüsse ziehen: Die Ergebnisse zeigen, dass die Vermeidung medizinischer Informationen keineswegs ein ungewöhnliches menschliches Verhalten und auch nicht zwingend irrational ist. Die Forschung zeigt vielmehr den starken Einfluss des gesellschaftlichen und strukturellen Umfelds auf. „Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein Rückgang des Vertrauens mit einem Anstieg der Informationsvermeidung einhergeht“, sagt Erstautor der Studie Konstantin Offer, Doktorand am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Die Steigerung des Vertrauens in das medizinische System könnte daher zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit medizinischen Informationen führen”, so Offer weiter. Die in der Studie ermittelten Gründe für Vermeidungsverhalten bieten damit wichtige Ansatzpunkte für politische Maßnahmen. 

In Kürze:

  • Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur medizinischen Informationsvermeidung, basierend auf 92 Studien mit insgesamt 564.497 Teilnehmenden weltweit. 
  • Rund 30 Prozent der Menschen meiden medizinische Informationen – besonders bei schweren oder unheilbaren Krankheiten wie Alzheimer, Huntington und HIV ist diese Vermeidung besonders ausgeprägt. Das Verhalten betrifft unter anderem das Vermeiden von Arztbesuchen, Tests oder Aufklärungsmaterialien. 
  • Informationsvermeidung ist kein Randphänomen, sondern betrifft weltweit Millionen Menschen – mit direkten Folgen für Früherkennung, Therapieentscheidung und Gesundheitsverhalten. 
  • Das Verhalten ist emotional und kognitiv getrieben, nicht irrational – Maßnahmen müssen daher gezielt auf Überforderung, Misstrauen ins Gesundheitssystem und Stigma reagieren. 

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