Feature Story | 19-Jan-2026

Künstliche Intelligenz, Textgenerierung und Wissensarbeit

Zwischen Textgenerierung im Studium und den ethischen Herausforderungen des KI-Einsatzes in der Verlagswirtschaft

Johannes Gutenberg Universitaet Mainz

Prof. Dr. Christoph Bläsi setzt sich mit künstlicher Intelligenz in der Buchwissenschaft auseinander – und weit darüber hinaus. Seit 2019 ist er einer von drei Sprecher*innen des Netzwerks KI@JGU.

 

Publizieren und künstliche Intelligenz (KI) – das ist ein hochdynamisches Feld. Ständig ergeben sich neue Fragestellungen und Diskussionen. Davon weiß auch Prof. Dr. Christoph Bläsi, Professor für Buchwissenschaft an der JGU, zu berichten. Er ist seit 2019 Sprecher des interdisziplinären Netzwerks KI@JGU – neben Prof. Dr. Petra Ahrweiler aus der Soziologie und Prof. Dr. Stefan Kramer aus der Informatik. Den Anstoß für die Gründung dieses Netzwerks gab Mitte der 2010er-Jahre die Überlegung, wer in welchen Fächern an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) künstliche Intelligenz bereits wie und wofür einsetzt.

Als das Netzwerk entstand, sei die Anzahl der KI-Projekte an der JGU noch überschaubar gewesen, berichtet Bläsi. "Die ersten Rückmeldungen konnten wir an zwei Händen abzählen." Das habe sich seither gründlich geändert. "Wir haben gesehen, wie sich immer mehr Institute mit KI beschäftigten und wie auch sehr große Projekte eingeworben beziehungsweise aufgesetzt wurden", erinnert sich der Buchwissenschaftler. Als einen Leuchtturm dieser Entwicklung nennt Bläsi TOPML, ein von der Carl-Zeiss-Stiftung gefördertes Projekt der theoretischen Informatik zu Anforderungen an KI-Systeme wie Transparenz und Fairness. Dabei sucht TOPML ganz dezidiert den interdisziplinären Austausch mit geisteswissenschaftlicher Forschung zu KI.

Vorbereitung auf eine voraussichtlich extrem KI-basierte berufliche Zukunft

"Im Medien- und Buchmarkt wird KI oft ganz allgemein als Wissenstool gesehen, das auch die Fortsetzung des digitalen Publizierens im weiteren Sinne mit definiert", so Bläsi. Und tatsächlich verwende die Buchbranche künstliche Intelligenz längst in vielen Bereichen, der Sektor setze dadurch zu einer echten Produktivitätssteigerung an. Aber es brauche unbedingt eine kritische Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen von KI und ihrer konkreten Anwendungen: "Es bleibt eine ganz aktuelle Fragestellung, welche Werkzeuge der künstlichen Intelligenz den Menschen in der Wissensarbeit wozu genau befähigen," gibt der Buchwissenschaftler zu bedenken.

Prof. Dr. Christoph Bläsi sieht aber auch erhebliche Chancen für den KI-Einsatz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, nicht zuletzt in Form der Digital Humanities, also der Anwendung verschiedener computationaler Methoden bis hin zu KI. So wird künstliche Intelligenz beispielsweise in der buchwissenschaftlichen Forschung unter anderem zur Auswertung großer Datenbestände eingesetzt, etwa in der Analyse historischer Schulbücher. Dabei kann es beispielsweise um die Frage gehen, wie sich Moralvorstellungen über die Zeit in ihrer Vermittlung in Schulbüchern als sehr besonderer Publikationsform verändert haben.

Bläsi plädiert für einen konstruktiven Umgang mit der sich rasant weiterentwickelnden Technik. Das bedeute, sich "bei aller gebotenen Umsicht nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange nur auf die Risiken zu fokussieren", sondern nach sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten zu suchen und diese in der eigenen Arbeit anzuwenden. "Statt aus Angst vor Datenabgriff und Datenmissbrauch durch große Modelle vor allem der US-Konzerne die Nutzung von KI übermäßig zu beschränken, sollte man sich zum Beispiel eher auch mit den Chancen durch kleine und vortrainierte Systeme beschäftigen, die auf der eigenen Hardware laufen können."

Wichtig ist ihm insbesondere die Vermittlung entsprechender KI-Kompetenzen in der Lehre. Das sei – weil große Sprachmodelle bei Texten ansetzen und die nun einmal das grundlegende Arbeitsmaterial von Buchwirtschaft und Buchkultur sind – im Fach Buchwissenschaft besonders wichtig: "Das Studium heute dient schließlich auch der Vorbereitung junger Menschen auf eine aller Wahrscheinlichkeit nach extrem KI-basierte berufliche Zukunft", betont Bläsi mit Verweis auf die Relevanz von KI für die Medienbranche. Im Buchmarkt reichten die Anwendungen schon heute vom Einsatz von KI-Werkzeugen für Textbearbeitung und auch Textgenerierung über Unterstützung bei strategischen Entscheidungen für das Verlagsprogramm bis hin zur Preisfindung.

Von Computerlinguistik und digitalem Publizieren zur Buchwissenschaft

Christoph Bläsi, Jahrgang 1960, bringt dabei einen entscheidenden Vorteil aus seiner eigenen Biografie mit: Er absolvierte zunächst eine Ausbildung als Programmierer und Systemanalytiker, bevor er ab 1982 Germanistik und Mathematik mit Schwerpunkt Informatik auf Lehramt in Freiburg studierte, begleitet und gefolgt von Auslandsaufenthalten an der University of Sussex im Bereich Computerlinguistik und am Istituto di Linguistica Computazionale in Pisa. Digitales Publizieren und Informationsmanagement begleitet den Wissenschaftler also schon lange, auch in seiner beruflichen Tätigkeit für Unternehmen wie Duden-Brockhaus, C. H. Beck und andere Verlage, während der er schließlich 1999 an der Universität Heidelberg promovierte. Im Jahr 2004 schließlich wurde Bläsi auf eine Professur für Buchwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg berufen, bevor er 2009 an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz wechselte.

Diese Verbindung aus Forschung und Praxis prägt nach wie vor Bläsis Lehre: Im Wintersemester 2023/2024 verfasste er gemeinsam mit Studierenden ein kompaktes englischsprachiges Fachbuch zum Berufseinstieg in die Buchwirtschaft in Transformation. Das Buch – mit maschineller Übersetzung ins Deutsche zusammen etwas mehr als 120 Seiten – entstand weitgehend automatisiert in Zusammenarbeit mit der aktuellen KI-Technik und der lektoriellen Kompetenz von Springer Nature, dem weltweit tätigen Wissenschaftsverlag aus Wiesbaden und Heidelberg. Mittlerweile ist das Buch mit dem Titel "Young Professionals in Publishing – Nachwuchskräfte im Verlagswesen" bei Springer Nature als digitales Produkt und Print-on-Demand erschienen. Wichtige Erkenntnis für die Autorinnen und Autoren: Auch wenn KI – in diesem Fall die zweite Evolutionsstufe von ChatGPT – bei Konzeptionierung, Texterstellung und Übersetzung hilft, ist das Verfassen eines Buchs, das eigene Ansprüche erfüllt, nach wie vor fordernd. "Gerade das Lektorat ist und bleibt für die am Schreiben Beteiligten oft ein beinahe schon schmerzhafter Prozess", so Bläsi.

Erhebliche Auswirkungen von künstlicher Intelligenz erwartet der Buchwissenschaftler künftig auf Curricula und Prüfungsleistungen. Vor dem Hintergrund der Möglichkeiten von generativer KI werde beispielsweise die klassische Hausarbeit sehr schnell an Bedeutung verlieren: "Unsere Studierenden in die Semesterferien zu entlassen mit der Aufgabe, 20 Seiten zu einem Thema zu schreiben – das ist als Prüfungsleistung so gut wie vorbei", ist Bläsi überzeugt. Alternativ könnten zum Beispiel mündliche Prüfungen wieder wichtiger werden oder auch das konzentrierte Schreiben ohne Internetzugang in einer Prüfung in einem Raum unter Aufsicht. "In den Curricula und Prüfungsordnungen der Geisteswissenschaften muss da schnell einiges passieren", fasst er den aktuellen Stand zusammen.

Künstliche Intelligenz und Geisteswissenschaften

Für die Forschung in den Geisteswissenschaften hat KI zusätzlich eine besonders unmittelbare Relevanz, weil große Schnittmengen zu Themen und Fragen bestehen, die viele Menschen auch außerhalb der Wissenschaft in ihrem ganz normalen Alltag betreffen. Bläsi nennt hier die Rolle von KI-Systemen als Kommunikationspartner, was für immer mehr Nutzer*innen digitaler Dienste eine Rolle spielt. In der Buchwissenschaft kommen besondere Fragestellungen mit Relevanz für Autorinnen und Autoren hinzu, beispielsweise der Schutz der eigenen schöpferischen Leistung und die Auseinandersetzung mit den ethischen Anforderungen des Publizierens in Zeiten von KI.

Letztlich rät Prof. Dr. Christoph Bläsi, die Entwicklung von KI-Systemen im Blick zu behalten. Das müsse keine tiefgreifende technische Auseinandersetzung mit den jüngsten Iterationen der großen Sprachmodelle bedeuten. "Es ist schon ein guter Schritt, regelmäßig die größeren neuen Systeme auszuprobieren und möglichst auch in die eigene Arbeit einzubeziehen", rät Bläsi. So bleibe die Tür zu diesem wichtigen Entwicklungsfeld offen.

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