Feature Story | 22-Jun-2026

Habermas‘ Lehren für die Krise der Demokratie

International besetztes Symposium an der Goethe-Universität zeigt Aktualität der Arbeit des im März verstorbenen Gelehrten

Goethe University Frankfurt

FRANKFURT. „Dass niemand wirklich frei ist, bevor es nicht alle sind“: Mit diesem Zitat von Jürgen Habermas als Titel haben am Freitag renommierte Wissenschaftler*innen das Denken des im März verstorbenen Philosophen und Soziologen und die Zukunft der Kritischen Theorie diskutiert. Das Forschungszentrum „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität und der Suhrkamp Verlag hatten dazu eingeladen. Das Symposium ergänzte die Gedenkfeier in der Paulskirche am selben Tag, zu der die Stadt Frankfurt in Kooperation mit der Goethe-Universität und dem Suhrkamp-Verlag eingeladen hatte und bei der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Gedenkrede hielt.

Der Hessische Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Timon Gremmels, erklärt: „Wir richten heute unseren Blick mit größtem Respekt auf den Philosophen Jürgen Habermas, der für Freiheit, Menschenwürde und demokratische Werte eingetreten ist. Sein Mut verpflichtet uns, mit geschichtlichem Scharfsinn die Gegenwart kritisch zu betrachten und uns einzusetzen. Jürgen Habermas hat immer wieder betont, dass demokratische Legitimität aus öffentlicher Verständigung erwächst – aus dem respektvollen Austausch von Argumenten und Gegenargumenten, aus den verlässlichen Strukturen einer funktionierenden Öffentlichkeit, an der alle teilhaben können. Gerade in einer Zeit, in der autoritäre Strömungen weltweit an Einfluss gewinnen, erhält dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Demokratie findet nicht nur in Wahlen statt; sie lebt von Beteiligung, Verantwortung und dem Schutz der Rechte aller und muss tagtäglich neu ausgehandelt werden. Das heutige Gedenken an Jürgen Habermas mahnt uns, demokratische Errungenschaften nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie unbedingt zu verteidigen und jeden Tag mit Leben zu füllen.“

„In der besten Tradition des kritischen Denkens bewahrte Jürgen Habermas das Erbe der Frankfurter Schule und führte es zugleich in eine neue Richtung“; sagt Universitäts-Präsident Prof. Dr. Enrico Schleiff. „Durch sein unermüdliches Engagement machte er die Goethe-Universität zu einem Leuchtturm des kritischen Denkens, stets im Streben nach demokratischem Dialog. Wir sind Habermas zutiefst dankbar für sein lebenslanges Engagement für eine Form der kritischen Wissenschaft, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird, indem sie sich für eine demokratische Gesellschaft einsetzt, in der die kommunikative Vernunft oberste Priorität hat. An die politischen Entscheidungsträger*innen appellieren wir, die Universitäten in ihren Ressourcen zu unterstützen und die Freiheit von Forschung und Lehre zu stärken. Denn nur dann können die Hochschulen und auch wir als Institution, an der Habermas studierte, lehrte und maßgeblich zur Entwicklung der Kritischen Theorie beitrug, sein intellektuelles Erbe weiterführen und in seinem Sinne dazu beitragen, die Demokratie und die Vernunft gegen ihre Feinde zu verteidigen.“

„Am 14. März 2026 haben die Geistes- und Sozialwissenschaften und die Tradition der Kritischen Theorie einen ihrer bedeutendsten Vertreter verloren. Jürgen Habermas hat über viele Jahrzehnte nahezu jede wichtige theoretische Debatte beeinflusst und Generationen von Forscher*innen inspiriert – schon eines seiner großen Werke hätte zum Weltruhm gereicht“, sagt Rainer Forst, ehemaliger Schüler von Habermas und Professor für Politische Theorie und Philosophie sowie (gemeinsam mit Professorin Nicole Deitelhoff) Direktor des Forschungszentrums „Normative Ordnungen“ an der Goethe-Universität. „Seine Diskursethik ist und bleibt ein Meilenstein, weil sie den öffentlichen Gebrauch der Vernunft ins Zentrum rückt.“

Gegen Ende seines Lebens sah Jürgen Habermas die Demokratie in einer tiefen Krise. Ihre Erosion schreite voran, „seitdem die Politik gegenüber den Märkten mehr oder weniger abgedankt hat“, sagte er in einem seiner letzten Interviews. Weltweit führende Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen diskutierten bei dem Symposium daher auch, wie angesichts des Rechtsrucks, des technologischen Wandels und der steigenden sozialen Ungleichheit eine auf kommunikativer Vernunft fußende Demokratie bewahrt werden kann. Das erste Panel richtete einen gesellschaftskritischen Blick auf den Aufstieg des Autoritarismus, der Demokratien weltweit bedroht. Darüber diskutierten die Politikwissenschaftler*innen Simone Chambers und Michael Zürn mit dem Historiker Peter Gordon. Das zweite Panel widmete sich der kommunikativen Wende, im Zuge derer Habermas Philosophie und Soziologie auf neue Bahnen gelenkt hat. Über Bedeutung und Wirkung dieses Paradigmenwechsels sprachen die politische Philosophin Seyla Benhabib, der Soziologe Hauke Brunkhorst und die Sozialpsychologin Vera King. Den Abschluss bildete eine Keynote des Sozialphilosophen Axel Honneth. Unter dem Titel „Der normative Eigensinn des Anderen. Habermas im Dialog mit Adorno“ beschäftigte er sich mit der Frage, was das Denken von Habermas und Theodor W. Adorno eint.

Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung von Rainer Forst und Klaus Günther (beide Goethe-Universität) sowie Peter Niesen (Universität Hamburg).

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