News Release

Biodiversitäts-Hotspots in Südwestdeutschland verlieren an Artenvielfalt

Gemeinsame Studie von Naturkundemuseum Stuttgart und Uni Hohenheim: 50 Jahre Floristische Kartierung Baden-Württemberg zeigen den deutlichen Wandel der Pflanzenwelt in Südwestdeutschland

Peer-Reviewed Publication

Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart

Das Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata, früher Orchis ustulata) ist eine seltene Orchideenart nährstoffarmer, meist kalkreicher Wiesen und Magerrasen

image: Das Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata, früher Orchis ustulata) ist eine seltene Orchideenart nährstoffarmer, meist kalkreicher Wiesen und Magerrasen. Namensgebend sind die dicht gedrängten Blütenstände, deren noch geschlossene Knospen dunkelrot bis schwärzlich gefärbt sind und dadurch wie angebrannt aussehen. Durch Düngung und Nutzungsintensivierung sind die geeigneten Lebensräume und damit die Bestände in Baden-Württemberg stark zurückgegangen. view more 

Credit: SMNS, Viktoria Ferenc

Der Klimawandel und die veränderte Landnutzung beeinflussen Lebensräume und somit auch die Pflanzenvielfalt. Um die Folgen dieser Entwicklungen besser zu verstehen, sind langfristige und flächendeckende Daten unerlässlich. Eine einzigartige Grundlage dafür bietet die vom Naturkundemuseum Stuttgart koordinierte „Floristische Kartierung Baden-Württemberg”. Die im Rahmen dieses Citizen-Science-Projekts über fünf Jahrzehnte erhobenen Daten dokumentieren anhand von über 2,5 Millionen Pflanzenbeobachtungen deutliche Veränderungen der Flora Südwestdeutschlands. Sie ermöglichen dabei auch exemplarische Einblicke in die Entwicklung der Pflanzenwelt in Deutschland und Mitteleuropa. Ein Forschungsteam des Naturkundemuseums Stuttgart und der Universität Hohenheim hat diese Daten nun gemeinsam analysiert. Die Ergebnisse der gemeinsamen Auswertung zeigen: Zwar haben einige Gebiete in Südwestdeutschland Pflanzenarten hinzugewonnen, besonders vielfältige Gebiete – Hotspots der Diversität – verloren jedoch tendenziell an Vielfalt. Die Auswertung unterstreicht, wie entscheidend der lokale Kontext für die Biodiversität und einen wirksamen Naturschutz ist. Es genügt nicht, nur möglichst viele Arten zu erhalten. Naturschutzmaßnahmen sollten auf das jeweilige Gebiet abgestimmt sein und auch ökologische Eigenschaften sowie die evolutionären Besonderheiten der dort vorkommenden Pflanzenarten berücksichtigen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Global Change Biology veröffentlicht.

Mehr Arten bedeuten nicht automatisch mehr Biodiversität
Die Pflanzendaten zeigten ein klares Muster: Gebiete, die zu Beginn der Untersuchungen besonders vielfältig waren, verloren im Laufe der Zeit tendenziell an Vielfalt. Besonders betroffen sind Regionen wie die Schwäbische Alb und der Schwarzwald, in denen charakteristische Arten und ökologische Besonderheiten zurückgegangen sind. „Die Frage, ob die Biodiversität insgesamt zunimmt oder abnimmt, greift zu kurz. Die Entwicklungen unterscheiden sich je nach Gebiet und betrachtetem Aspekt der Biodiversität. Eine steigende Artenzahl ist nicht automatisch positiv. Breiten sich weit verbreitete Arten aus, während spezialisierte Arten verschwinden, können Landschaften einen Teil ihres besonderen ökologischen Charakters verlieren. Biodiversitätsschutz muss deshalb regionale Besonderheiten berücksichtigen“, sagt Dr. Viktoria Ferenc, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Naturkundemuseum Stuttgart sowie an der Universität Hohenheim.

Eines der längsten floristischen Kartierungsprojekte Europas
Das Forschungsteam wertete mehr als 2,5 Millionen Pflanzenbeobachtungen aus Baden-Württemberg aus. Sie wurden von Bürgerwissenschaftler*innen und professionellen Botaniker*innen zwischen 1970 und 2023 für die Floristische Kartierung des Landes erhoben, eines der ältesten Projekte dieser Art in Europa. Der seit über 50 Jahren geführte Datensatz umfasst knapp 2.000 Gefäßpflanzenarten.

Ökologische Vielfalt kann trotz stabiler Artenzahl gefährdet sein
Die Studienautoren analysierten neben der Artenzahl auch die evolutionären Verwandtschaftsbeziehungen der Pflanzen sowie die Vielfalt ihrer Merkmale, etwa Wuchshöhe, Blattmerkmale und Samengröße. Die verschiedenen Dimensionen der Biodiversität entwickelten sich dabei nicht immer in dieselbe Richtung. So verloren Gebiete trotz einer stabilen Artenzahl an ökologischen Strategien oder evolutionärer Vielfalt. Daher ist neben der Artenanzahl auch entscheidend, welche Pflanzen über die Jahre zu- oder abnehmen und welche Merkmale sie haben. „Häufig breiten sich stickstofftolerante und störungsangepasste Arten aus, ebenso wie konkurrenzstarke oder nicht heimische Pflanzen. Dagegen gehen Lebensraumspezialisten, an Feuchtgebiete oder kühle Bedingungen angepasste Arten, Orchideen und Arten mit besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung häufig zurück. Daher ist es entscheidend, genau zu benennen, was geschützt werden soll“, sagt Dr. Pierre Liancourt, Wissenschaftler am Naturkundemuseum Stuttgart und Letztautor der Studie.

Lokale Umweltbedingungen prägen die Entwicklung
Wie stark sich die Biodiversität veränderte, hing unter anderem vom lokalen Klima, der Landnutzung, der Belastung durch atmosphärischen Ammoniak, den Bodenbedingungen und der Topografie ab. „Mithilfe neuester statistischer Methoden konnten wir aus den umfangreichen Daten Zusammenhänge ableiten, die wichtige Einblicke in die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die lokale Pflanzenvielfalt geben. Einen einzelnen Faktor, der alle Muster erklären könnte, gab es jedoch nicht. Vielmehr reagierten unterschiedliche Aspekte der Biodiversität je nach lokalen Umweltbedingungen unterschiedlich“, so Co-Autor Dr. Jörn Pagel vom Fachgebiet Landschaftsökologie und Vegetationskunde der Universität Hohenheim.

Bedeutung von Monitoringprojekten für Forschung und Naturschutz
Die Studie zeigt den außergewöhnlichen Wert langfristiger, koordinierter Citizen Science und von Monitoringprojekten. „Die Daten der Floristischen Kartierung Baden-Württemberg machen sichtbar, wie sich die Flora unseres Landes verändert, und bilden eine wichtige Grundlage für die Biodiversitätsforschung, den Artenschutz, die Rote-Listen-Bewertung und die Naturschutzplanung. Ohne das jahrzehntelange Engagement der ehrenamtlichen Botanikerinnen und Botaniker wären viele dieser Veränderungen weitgehend unsichtbar geblieben“, sagt Dr. Mike Thiv, Mitautor der Studie und Leiter der Abteilung Botanik am Naturkundemuseum Stuttgart. 2028 startet die Floristische Kartierung Baden-Württemberg in die dritte Erfassungsrunde. Dafür werden weitere interessierte Bürgerwissenschaftler*innen gesucht, die die Kartierung unterstützen möchten. Das Naturkundemuseum Stuttgart entwickelt derzeit zudem eine App, die die digitale Erfassung von Pflanzenbeobachtungen vereinfachen und eine schnellere Nutzung der Daten ermöglichen soll.

HINTERGRUND:

Floristische Kartierung Baden-Württemberg:
Um den aktuellen Artenturnover zu dokumentieren und praktische Naturschutzmaßnahmen zu unterstützen, erfasst das Naturkundemuseum Stuttgart gemeinsam mit Fachgesellschaften wie der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwest (BAS), den Entomologischen Vereinen Stuttgart und Krefeld, Citizen Scientists und der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg Arten in standardisierten Monitoringprojekten. Seit mehr als 50 Jahren erfassen engagierte Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart im Rahmen der „Floristischen Kartierung Baden-Württembergs“ die Pflanzenvielfalt des Landes. Mit rund 3,5 Millionen Beobachtungen ist dabei ein einzigartiger wissenschaftlicher Langzeitdatensatz entstanden. Die Daten zeigen, wie sich die Flora unseres Landes verändert – und schaffen damit eine wichtige Grundlage für Biodiversitätsforschung, Artenschutz, Rote Listen-Bewertungen und Naturschutzplanung.

Weitere Informationen und Verbreitungskarten unter:
https://flora.naturkundemuseum-bw.de/start2.htm

Zum Naturkundemuseum Stuttgart:
Das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart ist eine zukunftsorientierte Forschungs- und Kommunikationseinrichtung. Als Archiv der Vielfalt umfasst seine Forschungssammlung über 12 Millionen Objekte. Das Museum erforscht die Evolution des Lebens, analysiert die Biodiversität verschiedener Ökosysteme und vermittelt Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit.
www.naturkundemuseum-bw.de

Zur Universität Hohenheim:
Gegründet im Jahr 1818 als Antwort auf verheerende Hungersnöte ist die Universität Hohenheim die älteste Universität Stuttgarts. Auch 200 Jahre später folgt die stark spezialisierte Universität ihrem Gründungsauftrag, durch Forschung und Lehre innovative Beiträge zur Lösung globaler Herausforderungen zu liefern. Sie ist heute Deutschlands Nr. 1 in Agrarforschung und Food Sciences sowie stark und einzigartig in Natur-, Wirtschafts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften. Die Universität Hohenheim lehrt und forscht u.a. zu Themen wie Bioökonomie, Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Artenschutz, Ernährungssicherung oder alternative Energie- und Rohstoffquellen.
www.uni-hohenheim.de

Originalpublikation:
Viktoria Ferenc, Cornelia Krause, Jörn Pagel, Michael Boxriker, Monika Voggesberger, Arno Wörz, Mike Thiv, Pierre Liancourt: „Five decades of citizen science reveal erosion of hotspots of multifaceted plant diversity“, Global Change Biology, 27.10.2026
DOI: 10.1111/gcb.71150
Publikationsdatum: 27.10.2026
URL: http://doi.wiley.com/10.1111/gcb.71150

 


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