image: Noritaka Ichinohe: Beyond averages — context and heterogeneity in Genomic Psychiatry
Credit: Noritaka Ichinohe
KODAIRA, Tokio, JAPAN, 6. Januar 2026 -- In einem aufschlussreichen Genomic Press Interview, das heute in Genomic Psychiatry erscheint, stellt Dr. Noritaka Ichinohe eine grundlegende Annahme in Frage, die die psychiatrische Forschung seit Jahrzehnten stillschweigend eingeschränkt hat: die Überzeugung, dass aussagekräftige Erklärungen das Herausmitteln individueller Unterschiede erfordern. Seine drei Jahrzehnte translationaler Neurowissenschaft an japanischen Forschungseinrichtungen haben stattdessen gezeigt, dass biologische Heterogenität keineswegs statistisches Rauschen darstellt, das es zu eliminieren gilt, sondern vielmehr genau das Phänomen ist, das einer Erklärung bedarf.
Dr. Ichinohe ist Direktor der Abteilung für Ultrastrukturforschung am Nationalen Zentrum für Neurologie und Psychiatrie in Japan und hat gleichzeitig eine Position als Gastforscher am RIKEN Center for Brain Science inne. Diese Doppelstellung positioniert ihn an der Schnittstelle zwischen klinischer Translation und grundlegender Entdeckung, ein Beobachtungsposten, von dem aus er über 260 Forschungsarbeiten verfasst und 27 kompetitive Fördermittel eingeworben hat. Sein Einfluss reicht weit über institutionelle Grenzen hinaus und prägt die Art und Weise, wie Forschende weltweit die Beziehung zwischen Tiermodellen und psychiatrischen Erkrankungen des Menschen konzeptualisieren.
Von der Quantenphysik zu neuronalen Schaltkreisen
Der intellektuelle Weg, der Dr. Ichinohe zur Neurowissenschaft führte, begann, vielleicht unerwartet, mit kindlichen Begegnungen mit Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Die Lektüre populärwissenschaftlicher Bücher über Physik weckte in ihm eine Faszination dafür, wie höchst kontraintuitive Phänomene durch rigorose Rahmenwerke verständlich werden konnten. Die Literatur hingegen, die ihm sein Vater, ein Lehrer für japanische Sprache, nahebrachte, bot konkurrierende Vorstellungen der menschlichen Natur, die sich einer Reduktion auf einfache Regeln widersetzten.
"Was letztlich bei mir geblieben ist, war die Möglichkeit, dass Erklärung und menschliche Komplexität nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen," reflektiert Dr. Ichinohe. Die kybernetischen Theorien Norbert Wieners kristallisierten diese Intuition heraus: Systeme konnten Rigorosität ohne Starrheit bewahren, Verständlichkeit ohne Abgeschlossenheit. Diese produktive Spannung zwischen Struktur und Offenheit wurde zum Fundament seines wissenschaftlichen Ansatzes.
Das Medizinstudium zog ihn zur Geist-Körper-Beziehung hin, doch die schiere kontextuelle Komplexität der menschlichen Psychologie erschien bei direkter Annäherung kaum handhabbar. Frühe Experimente mit neuronalen Netzwerkmodellen, darunter das Neocognitron auf 8-Bit-Computern, offenbarten eine Welt, die zugleich plastisch und verständlich war. Noch wichtiger war, dass diese Experimente zeigten, wie wenig Forschende über die Netzwerkstruktur selbst verstanden, bevor sie Lernregeln oder Verhalten diskutierten.
Der Primaten-Imperativ
Die Doktorandenausbildung in Neuroanatomie führte Dr. Ichinohe durch Hirnstammschaltkreise, Kleinhirnorganisation und Basalganglienkonnektivität. Doch die Arbeit mit Katzen und Nagetieren verdeutlichte zunehmend die Distanz zwischen diesen Modellen und der menschlichen Kognition. Diese Einschränkung veranlasste ihn, dem Labor von Dr. Kathleen Rockland am RIKEN beizutreten, einer führenden Autorität auf dem Gebiet der kortikalen Schaltkreise bei Primaten.
Das RIKEN Brain Science Institute, gegründet mit dem Anspruch, das 21. Jahrhundert als "das Jahrhundert des Gehirns" zu etablieren, bot ein außergewöhnliches Umfeld. Führende Köpfe aus molekularer, synaptischer, bildgebender, System- und theoretischer Neurowissenschaft arbeiteten täglich zusammen. Dr. Ichinohe entdeckte dort das wegweisende "wabenartige Mosaik" an der Grenze zwischen kortikaler Schicht 1 und 2 und etablierte damit neue Paradigmen für das Verständnis mikromodularer Organisation. Dieses Interview veranschaulicht die Art von transformativem wissenschaftlichem Diskurs, der sich im gesamten Portfolio der Open-Access-Zeitschriften von Genomic Press findet und Forschende weltweit erreicht (https://genomicpress.kglmeridian.com/).
Der Wechsel zum Nationalen Zentrum für Neurologie und Psychiatrie markierte eine bewusste Hinwendung zur klinischen Translation. Könnte das, was man als strukturelle Grammatik der Primatengehirne bezeichnen könnte, psychiatrische Erkrankungen des Menschen erhellen? Diese Frage trug besonderes Gewicht für die Autismus-Spektrum-Störung, bei der die Heterogenität unter den Betroffenen nicht nur beobachtbar, sondern auch selbstberichtet ist. Viele autistische Menschen beschreiben sich selbst als grundlegend verschieden voneinander.
Transkriptome als dynamische Scharniere
Der Durchbruch entstand aus einer unerwarteten Konvergenz. Die Analyse des Gehirntranskriptoms von Weißbüschelaffen, die Valproat ausgesetzt waren, offenbarte eine auffällige Ähnlichkeit mit einer Untergruppe von Personen mit Autismus-Spektrum-Störung. Dr. Ichinohe erkannte in diesem Befund etwas Tiefgreifendes: Das Transkriptom nimmt eine einzigartige Zwischenposition ein, die sowohl genomische als auch umweltbedingte Einflüsse widerspiegelt und gleichzeitig mit messbaren menschlichen Phänotypen verbunden bleibt, einschließlich Verhalten und potenziellen Biomarkern.
"Diese Erkenntnis war zutiefst beeindruckend," erklärt er. "Sie offenbarte das Transkriptom nicht als passive Auslese, sondern als dynamisches Scharnier, das Ursache und Ausdruck, Mechanismus und Manifestation verbindet."
Die Implikationen reichen weit über ein einzelnes Modellsystem hinaus. Wenn Primatentranskriptome Konvergenzpunkte mit spezifischen menschlichen molekularen Subtypen identifizieren können, dann muss Tierforschung menschlichen Erkrankungen keine Schablonen aufzwingen. Stattdessen werden Modelle zu Katalysatoren, um zu testen, ob vorgeschlagene Subtypgrenzen über Spezies hinweg Bestand haben. Wie könnte dieser Rahmen die Arzneimittelentwicklungspipelines neu gestalten, die derzeit auf gemittelte Patientenpopulationen ausgerichtet sind? Könnte eine biomarkergesteuerte Therapieauswahl innerhalb des nächsten Jahrzehnts realisierbar werden?
Die Onkologie als Präzedenzfall
Dr. Ichinohe zieht aufschlussreiche Parallelen zur Krebsforschung. Die Onkologie machte Fortschritte nicht durch Leugnung der Tumorheterogenität, sondern durch deren Strukturierung: durch Identifizierung aussagekräftiger Subtypen, deren Verknüpfung mit Biomarkern und die Entwicklung subtypbewusster therapeutischer Strategien. Die Psychiatrie, so argumentiert er, benötigt eine ähnliche konzeptuelle Maschinerie.
"Die Frage ist, wo die bedeutsamen Trennungspunkte liegen," beobachtet er, "besonders auf der Ebene der sozio-verhaltensbiologischen Forschung, wo die klinische Relevanz tatsächlich angesiedelt ist."
Seine aktuelle Arbeit im Rahmen der Brain/MINDS-Initiative hat ihn zu einer zentralen Figur beim Aufbau des Weißbüschelaffen-Gehirnkonnektoms gemacht. Sein Team entwickelte eine KI-gestützte Pipeline, die eine beispiellose Präzision bei der Kartierung neuronaler Schaltkreise von Primaten ermöglicht. Parallel dazu war Dr. Ichinohe aktiv am International Consortium for Primate Brain Mapping (ICPBM) beteiligt und trug zu globalen Bemühungen bei, Primatenkonnektomik mit mesoskopischer Gehirnarchitektur zu integrieren. Diese strukturellen und translationalen Bestrebungen bleiben in seiner Sichtweise eng miteinander verbunden, zwei Seiten desselben wissenschaftlichen Engagements.
Das menschliche Element
Jenseits der Laborwände findet Dr. Ichinohe Erneuerung in der Musik. Er spielt privat Gitarre, von Bach bis zu den Beatles, nicht für Auftritte, sondern zur persönlichen Erbauung. Seine intellektuellen Vorbilder spannen sich von Zen-Meistern wie Rinzai und Zhuangzi über Physiker wie George Gamow bis hin zu Romanautoren wie Dostojewski und Mishima. Was sie vereint, ist eine gemeinsame Haltung gegenüber Grenzen, sei es der Sprache, der Vernunft, des Selbst oder der Gesellschaft, ohne dabei Trost in Vereinfachung zu suchen.
Nach seiner Lebensphilosophie gefragt, bietet Dr. Ichinohe einen neu angeeigneten Aphorismus an: "Tanze weiter, solange die Musik spielt." Ursprünglich ein Kommentar zu Finanzmärkten, verwandelt er ihn in einen Ausdruck anhaltender intellektueller Neugier und beharrlichen Engagements für wissenschaftliche Probleme.
Seine größte Angst? "Dass Bären zunehmend in Ortschaften auftauchen." Seine Einschätzung seiner größten Leistung? "Noch nicht. Wenn sie kommt, dann später, vielleicht in einer Form, die ich noch nicht erkenne."
Das Genomic Press Interview mit Dr. Noritaka Ichinohe ist Teil einer größeren Serie namens Innovators & Ideas, die die Menschen hinter den einflussreichsten wissenschaftlichen Durchbrüchen unserer Zeit ins Rampenlicht rückt. Jedes Interview der Serie bietet eine Mischung aus Spitzenforschung und persönlichen Reflexionen und vermittelt den Lesern einen umfassenden Einblick in die Wissenschaftler, die die Zukunft gestalten. Durch die Kombination eines Fokus auf berufliche Leistungen mit persönlichen Einblicken lädt dieser Interviewstil zu einer reichhaltigeren Erzählung ein, die Leser gleichermaßen anspricht und informiert. Dieses Format bietet einen idealen Ausgangspunkt für Profile, die den Einfluss des Wissenschaftlers auf sein Fachgebiet erkunden und dabei auch breitere menschliche Themen berühren. Weitere Informationen über die Forschungsführer und aufstrebenden Talente, die in unserer Innovators & Ideas (Genomic Press Interview) Serie vorgestellt werden, finden Sie auf unserer Publikationswebsite: https://genomicpress.kglmeridian.com/.
Das Genomic Press Interview in Genomic Psychiatry mit dem Titel "Noritaka Ichinohe: Beyond averages — context and heterogeneity in Genomic Psychiatry" ist ab dem 6. Januar 2026 frei über Open Access in Genomic Psychiatry unter folgendem Link verfügbar: https://doi.org/10.61373/gp026k.0016.
Über Genomic Psychiatry: Genomic Psychiatry: Advancing Science from Genes to Society (ISSN: 2997-2388, online und 2997-254X, print) stellt einen Paradigmenwechsel unter den Genetikzeitschriften dar, indem Fortschritte in Genomik und Genetik mit dem Fortschritt in allen anderen Bereichen der zeitgenössischen Psychiatrie verwoben werden. Genomic Psychiatry veröffentlicht medizinische Forschungsartikel höchster Qualität aus jedem Bereich innerhalb des Kontinuums, das von Genen und Molekülen über Neurowissenschaft und klinische Psychiatrie bis hin zur öffentlichen Gesundheit reicht.
Besuchen Sie die Virtuelle Bibliothek von Genomic Press: https://issues.genomicpress.com/bookcase/gtvov/
Unsere vollständige Website finden Sie unter: https://genomicpress.kglmeridian.com/
Journal
Genomic Psychiatry
Method of Research
News article
Subject of Research
People
Article Title
Noritaka Ichinohe: Beyond averages — context and heterogeneity in Genomic Psychiatry
Article Publication Date
6-Jan-2026
COI Statement
The author declared that no conflict of interest exists.